
Anleitung für einen experimentellen Lifestyle
Ich habe einen Hang zu sogenannter Self-Help-Literatur. Diese wird in Bahnhofsbuchhandlungen gerne zentral platziert, um Reisende anzulocken, die sich auf frustrierenden Trips mit der Deutschen Bahn nach Tipps für ein besseres Leben sehnen.
So bin ich Anfang des Jahres auch auf “Tiny Experiments” von Anne-Laure Le Cunff gestoßen. Insbesondere der Untertitel “How to live freely in a goal-obsessed world” hat mich sofort angesprochen. Ich teile nämlich die Abneigung der Autorin gegenüber nervigen Strategien für Zielsetzung, die einem im Business-Kontext und darüber hinaus ständig begegnen. SMART-Ziele, OKRs oder Performance-Messung mit KPIs - geh’ mir weg damit!
Generell ist gegen Zielsetzung ja nichts zu sagen, aber mich stört daran Folgendes: Man konzentriert sich stets auf einen erwünschten Zustand in der Zukunft, den es zu erreichen gilt (DANN ist dein Leben gut, die Welt eine bessere, das Unternehmen reicher etc.) und geht häufig von einem linearen Weg dorthin aus, der so nie eintritt.
Le Cunff schlägt eine Alternative vor. Anstelle sich auf ferne Outcomes zu konzentrieren, geht es darum, den Prozess in den Blick zu nehmen. Experimente statt lineare Meilensteinplanung!
Doch wie soll das nun konkret funktionieren? Wie kultiviert man ein “experimental mindset”?
Schritt Nr. 1: Zehn Minuten Selbstreflexion: Mache eine Liste mit der Überschrift “Davon will ich mehr im Leben”. Schreibe alles auf, was dir dazu durchs Hirn spukt. Keine Selbstzensur. Schreibe tatsächlich 10 Minuten, höre nicht nach 5 Minuten auf. Oft kommen interessante Punkte ganz am Ende.
Schritt Nr. 2: Fünf Thesen: Schau’ dir deine Liste an und wähle 2-3 Einträge aus, bei denen genau jetzt im Moment am meisten Energie fließt. Auf welches Thema hast du Lust? An was könnte es sich für dich lohnen, zu drehen? Formuliere fünf Thesen, was konkret dazu beitragen könnte.
Schritt Nr. 3: Ein Pakt mit dir selbst: Entscheide dich für eine These und leite daraus ein konkretes Experiment in einem abgesteckten Zeitraum für dich ab. Die Form ist einfach: “Ich werde xy über einen Zeitraum von xy tun.” Leitfragen dazu: Was begeistert dich? Was willst du lernen?
Achtung, wichtige Kriterien!
- Wähle eine konkrete, realistische HANDLUNG, die du REGELMÄßIG (jeden Tag, jedes Wochenende, jede Woche) durchführen kannst
- Für dein erstes Experiment, nimm dir erst einmal einen kleinen Zeitraum vor, z.B. eine Woche
- Es geht NICHT um ein bestimmtes Ergebnis, aber du solltest echte Motivation für die Sache haben und eine potentielle Bereicherung für dein Leben darin sehen. Es sollte SPAß machen!
- Du musst abhaken können, ob du deinen Pakt durchgezogen hast. Es geht nicht darum, Ergebnisse zu messen, sondern zu dokumentieren, wann/ob du xy getan hast.
- Lerne aus meinen Fehlern: besser klein anfangen, nicht übertreiben, du solltest deine Handlung auch an schlechten Tagen/in schlechten Wochen noch tun können und nicht unrealistische Rahmenbedingungen dafür benötigen, die dein Alltag nicht hergibt
Was ein Pakt NICHT ist:
- Eine GEWOHNHEIT kann aus einem Experiment hervorgehen, aber es ist nicht das Ziel. Hier geht es vielmehr um einen kleinen Experimentierzeitraum, in dem man neugierig bleibt und auch Dinge schnell wieder verwerfen darf
- Es geht nicht um einen GUTEN VORSATZ, wie die berühmten Vorhaben zu Jahresstart, sondern um eine kleine konkrete Handlung in einem abgesteckten Zeitraum
- Es handelt sich nicht um eine PERFORMANCE MESSUNG mit dem Ziel der Selbstoptimierung.
Meine bisherigen Learnings
Wie so oft, war ich auch nach der Lektüre des oben genannten Buches top motiviert und wollte sofort mit einem Pakt mit mir selbst loslegen. Das Thema, das ich angehen möchte: mehr spielerische Leichtigkeit im Leben!
Das Ergebnis kennt ihr. Ich erlebe zwei Mikro-Abenteuer pro Woche über 12 Monate hinweg. Und als ob das nicht schon anspruchsvoll genug wäre, habe ich dieses Experiment direkt noch mit einem weiteren Pakt gekoppelt. Jede Woche schreibe ich zwei Texte über meine Erlebnisse und versende einen wöchentlichen Newsletter. Damit möchte ich herausfinden, inwiefern regelmäßiges Schreiben und das Veröffentlichen meiner Texte eine Bereicherung in meinem Leben darstellen.
Sechs Dinge, die ich bereits gelernt habe:
- Spielerische Leichtigkeit ist eine Haltung, die ich mit meinen Mikro-Abenteuern anregen kann, die aber nicht immer automatisch damit einhergeht. Manchmal funktioniert mein Experiment, manchmal nicht. Es gibt Wochen, da freue ich mich auf lustige neue Erlebnisse und es gibt Tage, da empfinde ich Druck, noch etwas erleben zu müssen, während ich doch einfach nur faul im Bett liegen will.
- Auch in den schwierigen Wochen setzt die Umsetzung immer Energie frei. Bereut habe ich noch kein einziges Mikro-Abenteuer. Bei einem Neustart des Experiments würde ich mich allerdings eher auf ein Abenteuer und einen Text pro Woche beschränken. Klar könnte ich das einfach so ändern, aber ein bisschen Challenge tut mir auch ganz gut…
- Der Fokus auf Outcomes, auf GUTE ERGEBNISSE bei allem, ist in mich hineingebrannt und sehr schwer abzutrainieren. Unsere Gesellschaft basiert darauf, dass Menschen ständig irgendwelche Resultate erzielen müssen/sollen/wollen. Ich ertappe mich daher oft dabei, dass ich insgeheim den Anspruch an mich habe, meine Sache auch gut zu machen. Die Texte sollen unterhaltsam, informativ, lustig, prägnant und und und… sein. Die Abonnentenzahl soll steigen. Warum denn aber? Etwas NUR für die Freude am Tun zu machen, will neu geübt werden.
- Verbindlichkeit ist der Schlüssel! Ich habe jenseits meiner Mikro-Abenteuer weitere kleine Experimente ausprobiert, doch wenn niemand davon weiß und danach fragt, verpuffen bei mir einige Vorhaben. Natürlich kann man nicht immer Montagsmails zu sämtlichen neuen Testläufen versenden, aber ein Verbindlichkeits-Buddy könnte eine gute Lösung sein, um dran zu bleiben.
- Ohne Lust an der Sache geht gar nichts. Reine Vernunftsaktionen, die eher in Richtung Selbstoptimierung gehen, sind sehr schnell frustrierend und überleben selten länger als drei Tage…
- Flexibilität einplanen! Eines meiner gescheiterten Experimente bestand im Versand einer mutigen Mittwochs-Mail an eine unerreichbar erscheinende Person jede Woche Mittwoch über 10 Wochen hinweg. Eine einzige mutige Mail habe ich verschickt, mehr nicht. Grund: Mittwochs kam mir oft etwas dazwischen und donnerstags war die mutige Mittwochs-Mail nicht eingeplant… “Experimental Mindset” ist schlecht mit deutschem Beamten-Denken kombinierbar.
