20. April 2026

Ein Pakt mit mir selbst

Ich bin jetzt 41 Jahre alt. Wie man weiß, stehe ich damit am Anfang eines Lebensjahrzehnts, in dem man(n) sich in zu enge Rennradhosen quetscht, ein schickes Auto kauft, Siebträgermaschinen in die Küche stellt, gerne Wanderurlaub macht, die Vorzüge von Intervallfasten lobt, plötzliche Trainingsmotivation für einen Marathon aufkommt und man Wühlen im Beet als tollen Ausgleich zum Bürojob empfindet. So zumindest in der privilegierten Bildungsbürgertums-Bubble, die in schönen Altbauten lebt, gerade ein Eigenheim baut oder ganz alternativ mit der polyamoren Wahlfamilie auf einen Bauernhof nach Brandenburg gezogen ist.

Diese Aussichten ängstigen mich nicht, einige prophezeite Midlife-Maßnahmen habe ich bereits erfolgreich im frühen Stadium der 40er umgesetzt und lasse nicht zu, dass sich jemand hämisch über mein neues rotes Cabrio äußert, mit dem ich nun bequem aus der Großstadt heraus zum Waldbaden in den Taunus fahren kann. Was mich jedoch mit dem Eintritt in das neue Lebensjahrzehnt viel beschäftigt, ist das plötzliche Bewusstsein über die Endlichkeit des Lebens und die Frage, was ich denn eigentlich in der mir (hoffentlich) verbleibenden zweiten Hälfte erleben möchte. Ich nehme bei mir selbst und meinem Midlife-Umfeld wahr, dass sich, verglichen mit vorigen Lebensabschnitten, gewisse Routinen, eingespielte Abläufe und klare Meinungen für oder gegen Dinge entwickelt haben. Das ist in vielerlei Hinsicht zu begrüßen und erleichtert den Alltag enorm. Gleichzeitig frage ich mich, ob nicht auch die Gefahr besteht, zu einer eingefahrenen alten Spießerin zu werden, die sehr unflexibel aus dem Wunsch nach Kontrolle über das eigene Leben heraus an Gepflogenheiten festhält und selten etwas wirklich Neues probiert. Die berühmte Reflexionsfrage: Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan?

Ganz besonders ärgert mich mein antrainiertes Verhalten, meinen Alltag an der Abarbeitung von To-Do-Listen auszurichten. Damit einher geht das Gefühl, dass das wirklich tolle Leben ERST DANN beginnt, wenn ALLE wichtigen oder auch unwichtigen Aufgaben endlich erfolgreich abgehakt werden konnten. Für eine sehr kurzweilige und hilfreiche Betrachtung dieses Phänomens empfehle ich das Buch “4.000 Wochen. Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement” von Oliver Burkeman. Das WIRKLICH TOLLE After-To-Do-Listen-Leben bedeutet für mich nicht eine Kreuzfahrt im Rentenalter oder wilde Techno-Parties im Wald. Vielmehr waren meine bislang glücklichsten Phasen davon geprägt, mit einer gewissen Leichtigkeit Dinge auszuprobieren, ohne dabei zwanghaft die Outcomes im Blick zu haben. Ein druckfreies, experimentelles Vorgehen war die Basis für die Gründung meines Sozialunternehmens, für neue Freundschaften, für meine neu entdeckte Leidenschaft fürs Boxen, gleichzeitig aber auch der Startpunkt für gescheiterte Projekte, unsinnige Anschaffungen oder vergebliche Beziehungsversuche. Egal was hinten raus kommt, es ist der Prozess der zählt. Besser testen als verharren.

Um mir die Offenheit für kleine Experimente zu bewahren, schließe ich nun einen Pakt mit mir selbst: Ein Jahr lang (vermutlich übertrieben langer Zeitraum, aber gut) werde ich nun jede Woche mindestens zwei Mikro-Abenteuer erleben und darüber kurze Erfahrungsberichte verfassen, die ich montags an Midlife Happiness-Interessierte verschicke. Natürlich könnte ich diesen Beschluss auch im Stillen schließen und darüber nicht großartig im Internet tönen, allerdings habe ich bemerkt, dass meine fixen Ideen ohne eine Form von Verbindlichkeit häufig nicht umgesetzt werden. Allein die Tatsache, dass irgendjemand (Mama, wenigstens du oder?!) meine Texte lesen könnte, erzeugt bei mir mehr Tatendrang und Konsistenz. Damit widerspreche ich mir also direkt zum Start: So ganz ohne Outcomes scheinen Experimente für mich eine Herausforderung zu sein…

Was meine ich nun mit Mikro-Abenteuern? Es geht um Aktivitäten und kleine Verhaltensänderungen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen. Ich werde also NICHT über meine Fahrradreise nach Namibia oder über meinen Monat im buddhistischen Tempel berichten. Im Vordergrund stehen weder unangenehme Mutproben (wie z.B. laut in der U-Bahn singen) noch typische langweilige Selbstfürsorgemaßnahmen (wie z.B. eine heiße Schokolade trinken und an einer Rose riechen). Das Hauptkriterium soll stattdessen die Antwort “Ja” auf folgende Frage sein: Könnte diese Aktivität potenziell interessant sein und mein Leben bereichern?

Zum Start habe ich selbst eine Liste möglicher Mikro-Abenteuer begonnen, ich freue mich allerdings sehr über Ideen anderer. Sollte es etwas geben, was ich deiner Meinung nach ausprobieren sollte, schreib mir!

So startet nun also heute am 17. April mein Selbstversuch, Erfahrungsberichte coming soon...

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