Ein Pokerturnier mitspielen

Wer mich kennt, weiß: Ich habe eine gewisse Affinität zu Casinos und kann dem Glücksspiel durchaus etwas abgewinnen. Jedes Jahr in der Nacht vor meinem Geburtstag setze ich am Roulettetisch um 0.00 Uhr auf meine Zahlen und hoffe auf ein kleines Wunder zum Start meines neuen Lebensjahres. Es blieb bisher aus, aber meine Lebensjahre wurden trotzdem  – oder vielleicht gerade deshalb –  gut.

Bislang habe ich meinen potentiellen Geldsegen allein dem Zufall überlassen. Gerne bilde ich mir zwar ein, dass man aus der Zahlenhistorie am Roulettetisch ableiten kann, was nun als nächstes zwangsläufig kommen MUSS, aber so ganz verabschiedet sich meine stochastische Grundbildung dann doch nicht und mir ist klar, dass meine wahnsinnig durchdachten Glücksspiel-Strategien Mängel aufweisen.

Oft schiele ich neidisch zu den Pokertischen, habe mich allerdings bislang nie getraut, dort tatsächlich mitzuspielen. Glückhaben reicht dort nicht, man muss tatsächlich etwas können und das Spiel verstehen. Glücklicherweise habe ich einen Profi-Poker-Bruder, der hier weiterhelfen kann. Er hat einst als Poker Dealer im Casino gearbeitet und weiß bestens Bescheid über die Finessen des Spiels. Sein Crash-Kurs verlangt mir einiges ab, aber er ist ein geduldiger Lehrer. Zwar gibt es für blutige Anfängerinnen wie mich ein paar Leitlinien, aber in den meisten Fällen lautet seine Antwort: “Es kommt darauf an.” Für so ziemlich jede Situation (das eigene Blatt, die Position am Tisch, das Verhalten der anderen, der Zeitpunkt im Spiel…) kann man Wahrscheinlichkeiten berechnen. Nicht jedoch mit meinen mathematischen Fähigkeiten und nach drei Stunden Einführung.

Als ich verstanden habe, dass “Pockets” eine gute Sache sind, wann ich “Under the Gun” bin und wie ich beim “Preflop” “raisen” sollte, gehen wir zu Level 2 meiner Ausbildung über: Wir spielen zum Aufwärmen um acht Euro Online-Poker. Die Plattform wirkt durch und durch unseriös und wie eine einzige Spam-Falle. Sehr bunt, einiges blinkt. Ich bin maximal überfordert an unserem Online-Tisch, weil die Geschwindigkeit extrem hoch ist. Da ist nichts mit überlegen, es geht zack, zack, zack und irgendjemand hat gewonnen, noch bevor ich ausmachen kann, wo der Dealerbutton liegt. Ich fühle mich wie in Loriots Skatrunde und möchte zum 10. Mal fragen “und WAS ist Trumpf??”

Doch Mikro-Abenteuer sind ja schließlich gelegentlich ein Sprung ins kalte Wasser und so melden wir uns noch am selben Abend für ein Pokerturnier im Casino Berlin an. Ich sage meinem Bruder, dass ich aussteigen werde, sobald ich verdoppelt habe und ernte großes Gelächter. Ein Turnier ist kein sogenanntes Cash-Game, sprich man spielt bis man gewinnt oder eben rausfliegt. Gut, dass wir das vorher geklärt haben. Ich hätte allerdings gerne gewusst, was passiert, wenn ich meine Pokerchips einsammle und selbstbewusst den Tisch verlasse. 

Ausgestattet mit großer Sonnenbrille, damit niemand meine genialen Bluffs durchschauen kann, checken wir ein im Casino. 186 Teilnehmende, davon eine weitere Frau, der Rest Männer. Ähnlich wie in der Zauber-Branche ist mir nicht klar, warum es sich hier um so eine Männerdomäne handelt. Jetzt will ich erst recht gewinnen! Mein Mikro-Abenteuer wird zum feministischen Akt.

Ich werde zu Tisch 10 zugelost, mein Bruder Tisch 11. Schade, ich bin jetzt also auf mich alleine gestellt. Er bläut mir noch ein, nicht die typischen Anfängerinnenfehler zu machen und rät mir, meinen Status als unerfahrene Spielerin geschickt auszunutzen. Mit zitternden, spitzen Fingern schaue ich mir meine Chips an, während meine Tischnachbarn gekonnt ihre Jetons durch die Finger gleiten lassen. Sie sind offenbar nicht zum ersten Mal hier. Es geht los und ich bin froh, dass ich meistens weiß, wann ich welche Blinds zu bezahlen habe und wann ich dran bin. Hauptsache nicht direkt unangenehm auffallen!

Meine Karten sind fast immer mies, also werfe ich direkt weg. Der Teil ist noch einfach. Mit Ass und Bube denke ich mir, naja immerhin, und gehe mit. Anders als geraten, mache ich ALLE Anfängerinnenfehler und spiele zögerlich, ziehe nicht durch, wenn es sinnvoll wäre oder gehe mit, nur um dann am Ende doch lieber wegzuwerfen. Ich bin die Traum-Mitspielerin eines jeden Poker-Profis, eine goldene Gans, die man spielend leicht ausnehmen kann. Das geschieht dann auch genau so. Trotzdem macht es mir großen Spaß und ich werde im Laufe des Spiels entspannter. Wenn ich auch kein einziges Mal den Pott gewinne, bemerke ich doch immerhin in den meisten Fällen, wenn ich eine dumme Aktion mache. Erkenntnis ist der erste Schritt und so.

Irgendwann ist der Zeitpunkt für “All in” gekommen. BEINAHE wirft mein Kontrahent das Handtuch, aber mein nervöses Zucken um den Mundwinkel und der flehende Blick (Merke: Sonnenbrille nicht auf dem Kopf tragen) scheinen ihm Mut zu machen. Ich fliege raus und weiß bereits in diesem Moment: Dies wird nicht mein letztes Pokerturnier gewesen sein. Das bin ich dem Feminismus schuldig.

DO:

  • Pokermitspieler in unangenehme, langwierige Gespräche verwickeln

DON’T:   

  • Bluffen mit einer 7 und 2
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