Gerichtsverhandlung besuchen

Mit dem Gesetz bin ich bislang noch nicht in Konflikt gekommen, wenn man von Schwarzfahren, Falschparken und Bei-Rot-über-die-Ampel-gehen absieht. Auch wurde ich noch nie Zeugin eines Verbrechens, wofür ich dankbar bin, weil meine Beobachtungsgabe eher schwach ausgeprägt ist und ich leider nicht nur oft keinerlei Details von Geschehnissen erinnere, sondern noch viel schlimmer auch gelegentlich auf Dinge schwöre, die sich als absolut falsch herausstellen.

Heute will ich die praktische Umsetzung unseres Rechtsstaats einmal live erleben, ganz ungefährlich vom Zuschauerbereich aus. Ich recherchiere im Internet nach aktuellen Terminen und werde schnell beim Landgericht Frankfurt fündig. In der Sparte “Strafrechtliche Verfahren” wird angegeben, dass heute ein Strafverfahren wegen Verdachts des Mordes verhandelt werden soll. Ein Mann soll seine Ehefrau von einem Hotelbalkon im 22. Stock gestoßen haben. Ein Mordfall in Sachsenhausen, also quasi direkt vor meiner Haustüre… ziemlich harter Tobak.

Nach der Sicherheitskontrolle am Eingang treffe ich im Aufzug zufällig einen weiteren Besucher, der sich genau diesen Prozess anschauen will und so betreten wir gemeinsam den Besucherbereich des Verhandlungszimmers, in dem außer uns noch zwei Frauen sitzen. Während wir darauf warten, dass es losgeht, wird mir doch ein wenig mulmig zumute. Ich habe im Vorfeld nicht darüber nachgedacht, wie es sich anfühlen könnte, einem potentiellen Mörder gegenüber zu sitzen und sämtliche Details über diese grauenvolle Tat zu erfahren.

Doch noch bevor ich mich dazu entschließen kann, lieber wieder zu gehen, wird der Angeklagte hereingeführt und die  Verhandlung beginnt. Ich bin perplex, denn der mutmaßliche Täter entspricht optisch so gar nicht meiner Vorstellung eines Ehemanns mit zwei Kindern, der ein Hotelzimmer für einen Mord anmietet. Kann dieser schmächtige, schätzungsweise Mitte 20-Jährige so eine Tat begangen haben? 

Der Prozess beginnt mit der Zeugenbefragung eines Arztes, der ausführlich über einen Mann mit Platzwunde am Kopf berichtet, den er medizinisch versorgt hat. Wir im Zuschauerraum grübeln noch eine Weile, bis irgendwann unmissverständlich feststeht: Hier handelt es sich definitiv nicht um den Balkon-Mordprozess, sondern um einen Vorfall in der Obdachlosenunterkunft im Ostpark. Die Termine wurden getauscht.

Zwar erleichtert mich die  Tatsache, dass es sich hier “nur” um einen Fall von Körperverletzung handelt, dennoch geht mir die Verhandlung sehr nahe und liefert definitiv keinen Stoff für einen lustig, leichten Mikro-Abenteuer-Artikel. Der Angeklagte hat einen Mitbewohner mit einem Stein an den Kopf geschlagen, weil er sich von diesem bedroht fühlte. Im Laufe der Verhandlung mit diversen Zeugenaussagen wird deutlich, dass es sich um einen Menschen mit psychotischen Zügen handelt. Ein junger Amerikaner, der in Deutschland einen Asylantrag gestellt hat, weil er sich in seinem Heimatland verfolgt fühlt. In Unterkünften fällt er als sozial isolierter Einzelgänger auf, der Hilfsangebote von sozialen Diensten ablehnt und sich offenbar in eine seltsame religiös anmutende Parallelwelt flüchtet. Er markiert alle seine Gegenstände mit Symbolen und packt seine Handys in Alufolie ein.

Der verhandelte Fall macht mich betroffen und ich habe Mitgefühl mit dem eingesunkenen, verängstigten Mann, dessen Wortbeiträge auf einen gebildeten Menschen schließen lassen, der sich gut ausdrücken kann, allerdings geistig verwirrt anmutende Antworten gibt, in denen sich Verschwörungsideen mit realen Gegebenheiten mischen. Für den Richter und die Anwältinnen und Anwälte scheint so ein Fall Alltag zu sein. Sie wirken einerseits abgeklärt, andererseits nicht unemphatisch. Was tut man nun in so einem Fall? Der Geschädigte ist glimpflich davon gekommen und hat keine Folgeschäden, was bei einem Steinangriff auf den Kopf aber auch ganz anders hätte ausgehen können.

Leider wird die Verhandlung vertagt und ich erfahre nicht, wie das Urteil ausfällt. Das ist ein wenig unbefriedigend, aber ich nehme dennoch viel für mich mit aus diesem Vormittag im Gericht. Ich empfinde großen Respekt für all die Menschen hier, deren Arbeitstalltag sich um solche bedrückenden Themen dreht und die schwierige Entscheidungen treffen müssen, die das Leben einzelner Individuen, aber letzten Endes von uns allen, massiv beeinflussen.

DO:

  • eine Gerichtsverhandlung live miterleben

DON’T:   

  • sich gleich harte Mordfälle zumuten, stattdessen lieber Prozesse jenseits von Gräueltaten wie beispielsweise am 10.8. der Fall einer angeklagten Spielbank, in der einem Glücksspieler versehentlich ein Gewinn von 25.000 € angezeigt wurde, den dieser dann nicht erhielt
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