Eine Stunde Cliché-Touristin sein
Anders als viele Menschen, die ich kenne, besitze ich keine besonders ausgeprägte Reiseleidenschaft. Wenn ich aber unterwegs bin, bin ich schnell begeistert von der neuen Umgebung und frage mich im Anschluss regelmäßig, warum zur Hölle ich mir das Rhein-Main-Gebiet als Lebensort ausgewählt habe. Portugal beispielsweise, insbesondere Lissabon, wo ich mich derzeit befinde, hat schon deutlich mehr zu bieten als die Frankfurter Zeil oder das Nordwestzentrum (laut ehemaligen Schülerinnen, beides DIE besten Orte, die Frankfurt vorweisen kann).
Nach drei Tagen Konferenz streune ich mit drei weiteren neu gewonnenen Konferenzfreundinnen durch Lissabon und wir sind uns einig: Es ist Zeit für ein gemeinsames Mikro-Abenteuer! Die Idee, eine lokale Person nach einem Tipp zu fragen und diesen dann zu befolgen, finden wir alle gut, verwerfen wir aber schnell, nachdem die befragte Person uns ein Museum nennt, das nicht geöffnet hat. Stattdessen beschließen wir: für eine Stunde sind wir nun Hard-Core-Touristinnen und machen alles, was echte Cliché-Touris eben so tun. Selbstverständlich tun wir dies durch und durch ironisch, da wir alle zu der Sorte Reisender gehören, die niemals Pauschalurlaub buchen, sondern unbedingt das wirklich echte Leben der Locals kennenlernen wollen, um dann in wahnsinnig authentischen Geheim-Tipp-Cafés einen Matcha Latte zu schlürfen, das einzig und allein für unsere Kohorte der authentisch Reisenden eröffnet worden ist. Wir freuen uns besonders über unfreundliche Kellner, denn das macht ja das authentische Reisen aus.
Als Hard-Core-Touris halten wir eines der etlichen hübsch geschmückten Tuk Tuks an, die durch die Lissabonner Innenstadt düsen, um eine motorisierte Stadtführung für Bewegungsfaule zu machen. Wie es sich gehört, wird mit dem Fahrer hart verhandelt. Ich überlasse es den anderen, weil mein Talent für Feilschen in etwa der entsprechenden Szene im Film “Life of Brian” entspricht. Es geht los. Ich verstehe nur ca. 25% von dem, was unser Tourguide erzählt, aber das macht auch gar nichts, denn wir brausen die steilen Straßen hinauf und hinunter und sind hauptsächlich damit beschäftigt, nicht aus dem offenen Wagen zu fallen. Die Anschnallgurte sichern uns in etwa so gut wie die dünnen eingehängten Kettchen in einem Kettenkarusell zum Nicht-Davonfliegen beitragen.
Wir halten an besonders schönen Aussichtspunkten und als Hard-Core-Touristinnen machen wir bei jeder Station etliche Selfies oder bitten andere Hard-Core-Touris, Gruppenfotos von uns zu machen. Mit unseren Fotoaktionen sind wir in etwa so intensiv beschäftigt wie Hochzeitspaare am schönsten Tag in ihrem Leben und insbesondere mehr als mit den Sehenswürdigkeiten, die uns unser Tourguide zeigt. Bei der letzten Station kaufen wir dann auch ein touristisches Mitbringsel. Ich erstehe einen kleinen Tonvogel in portugiesischen Farben, der mit Wasser gefüllt Zwitscherlaute beim Hineinblasen von sich gibt. Genau das Richtige für meine Neffen. Erst nach dem Kauf teste ich das erstandene Produkt und stelle fest, dass der Sound eher an eine lauten Krankenwagen erinnert, weniger an eine Nachtigall. Das wird den gemeinsamen Familienurlaub sehr bereichern.
Unserem Tourguide gehen die Infos aus und so macht er laut Musik an. Wir wünschen uns Songs, die er selbst gerne hört und so spielt er Tracks von Nora Fatehi, offenbar gerade sehr angesagt in seinem Heimatland Bangladesch. Hier eine kleine Hörprobe. Wir tanzen im Sitzen und amüsieren damit sämtliche Verkehrsteilnehmer. Alle beneiden unseren kleinen Party-Bus und wir haben den Spaß unseres Lebens.
Unser Hard-Core-Touri-Stunde geht dem Ende entgegen. Am Flussufer werden wir abgesetzt und machen ein letztes Touri-Foto mit den Lisboa-Buchstaben am Ufer. Von jetzt an sind wir wieder authentisch Reisende, die nach einem ganz un-touristischen Ort für das Abendessen umgeben von echten Locals suchen.
DO:
- Hits aus Bangladesh zum Cruisen hören
- hart verhandeln und dann übertriebenes Trinkgeld geben
DON’T:
- sich für einen Selfie-Stick schämen
