Einen Abend lang gar nichts tun

Auf die Frage “Wie war dein Sonntagabend?” antwortet man manchmal: “Ich habe gar nichts gemacht.” Das stimmt so nie. Man meint damit nur, dass man nicht unterwegs oder verabredet war und keine größeren Programmpunkte absolviert hat. 

Ich für meinen Teil tue meistens einiges, wenn ich angeblich gar nichts tue. Oft auch gleichzeitig. Wäsche aufhängen und Podcast hören, Essen und Filme schauen, Lesen und auf dem Handy herumtippen, Zähne putzen und Musik hören… Ich konsumiere sehr viele Inhalte, erledige Dinge und meine Kommunikationskanäle sind nie ausgeschaltet.

Doch heute wird das anders sein. Heute tue ich einen Abend lang absolut gar nichts und beobachte, wie sich das Nichtstun, das ich mir angeblich ständig wünsche, bei der Umsetzung anfühlt. So gesehen mache ich damit natürlich doch etwas, nämlich Beobachten. Und selbstverständlich atmen und sitzen, liegen oder stehen. Soviel muss erlaubt sein.

Um 19.15 Uhr geht es los. Ich lege mich auf mein Bett und starre an die Wand gegenüber. Um 19.23 Uhr schaue ich das erste Mal auf die Uhr.

Natürlich darf ich keinesfalls einschlafen, sonst wäre es ja nicht Nichtstun. Notizen machen für diesen Artikel ist ebenfalls verboten. Erst 26 Minuten und mir ist bereits extrem langweilig.

Nach 30 Minuten wechsle ich in die sitzende Position, nach einer Stunde sogar das Zimmer. Nebenan wird Klavier geübt. Nie zuvor sind mir die ständigen Verspieler so sehr aufgefallen…

Ich muss aufpassen, dass ich nicht versehentlich meditiere. Daher beschäftige ich mich mit endlosen Gedankenschleifen. Ich führe imaginierte Streitgespräche, denke darüber nach, was ich wann unbedingt hätte sagen sollen und grüble über zukünftige Schicksalsschläge, die vermutlich so nie eintreten werden, aber falls doch, stelle ich mir sicherheitshalber jetzt schon vor, wie traurig ich dann wäre.

Komplett mit sich selbst zu sein ist nerviger als ich dachte. In der Hardcore-Variante eines mehrtägigen Schweigeretreats durchläuft man ja angeblich eine Karthasis. Seelische Reinigung und Befreiung von angestauten Emotionen und so. Ob das auch schon an einem Sonntagabend mit Nichtstun gelingen kann?

Wenn schlechte Laune und Langeweile notwendige Phasen auf dem Weg zur Erleuchtung darstellen, bin ich gut unterwegs.

Mein Gehirn wünscht sich Input. Nur ein ganz kurzer Blick aufs Handy? Nur eine halbe Seite lesen? Wie ein Junkie schleiche ich um mein Smartphone, die Zeitung auf dem Tisch und meine Yogamatte. Sonst muss ich mich zu Dehnübungen aufraffen, jetzt wäre es ein Segen.

Ich bleibe standhaft und inaktiv.

Irgendwann ist es 21.41 Uhr und ich finde, dass man jetzt auch eigentlich ins Bett gehen kann. Schlaf als Erlösung vom schlecht gelaunten Herumsitzen scheint mir plötzlich sehr verlockend.

Leider bin ich nicht müde. Ich lege mich dennoch hin und starre eine Stunde wach an die Decke. Ob so mein Alltag im Pflegeheim später aussehen wird? Motivierende Gedanken zum Einschlafen.

Fazit meines Mikro-Abenteuers Nichtstun: Spaßig war es nicht. Interessant aber, wie sehr ich auf externe Reize gepolt bin und was einfach nur sitzen in mir aktiviert. Es könnte sich lohnen, das weiter zu erforschen.

DO:

  • darüber nachdenken, wann man das letzte Mal tatsächlich NICHTS getan hat

DON’T:   

  • darauf hoffen, dass man übers Nichtstun besonders unterhaltsame Artikel schreiben kann
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