Einen Debattierclub besuchen

Als Kind einer diskutierfreudigen Großfamilie bin ich inmitten einer lebhaften Debattenkultur aufgewachsen. Warum ich nun wirklich nicht dran bin mit Spülmaschine einräumen oder dass 22 Uhr keine angemessene “Zu-Hause-Sein-Zeit”  für 16-Jährige darstellt, konnte ich mit etlichen Argumenten belegen und wurde meistens auch angehört.

Leider herrschte damals wie heute die Problematik, dass das beste Argument nicht zwangsläufig gewinnt. Irrationale Emotionen (“Was nach 22 Uhr alles passieren könnte!!”) kombiniert mit Fake-News (“Dein Bruder hat den Tisch gestern abgeräumt”) und hilflosen Machtdemonstrationen (“Solange du in diesem Haus wohnst…”) konnten sorgsam aufgebaute Argumentationsketten einfach so hinwegfegen und haben meinen Glauben an die Macht des Arguments stark in Mitleidenschaft gezogen.

Vielleicht kann nun 25 Jahre später ein Besuch im Debattierclub helfen, alte Muster aufzuarbeiten und meine Rhetorik-Skills ein wenig aufzupolieren.

Es ist Donnerstagabend und ich entdecke über die Plattform “Meetup” ein Treffen des Debattierclubs “VAEVICTIS” im Saalbau Bornheim. Im schmucklosen Seminarraum erwarten mich ca. 15 Personen unterschiedlichen Alters und bei der Vorstellungsrunde erfahre ich, dass noch drei weitere Personen wie ich zum ersten Mal dabei sind. 

Beim heutigen Übungsabend beginnt ein erfahrener Rhetoriktrainer mit einem kleinen Input. Ich lerne interessante, neue Dinge, wie beispielsweise die Wirkung unterschiedlicher Stimmmuster und wie man Kompetenz ausstrahlen kann durch die Technik der eingefrorenen Hand.

Dann geht es ans praktische Ausprobieren und es ist gar nicht so einfach, das gerade Gelernte umzusetzen. Die kompetente eingefrorene Hand kann man bei mir lange suchen, ich tendiere eher zu wildem Gestikulieren und laufe auch gerne bewegungsfreudig auf und ab, womit sich gut vom Inhalt ablenken lässt.

Höhepunkt des Abends bildet eine kleine Übungsdebatte. Es geht um die Frage, ob Bargeld abgeschafft werden sollte und die Positionen werden ausgelost. Jeweils drei Personen argumentieren als Team für PRO, drei weitere für CONTRA und die anderen im Raum sind zuständig für Feedback mit unterschiedlichen Beobachtungsschwerpunkten.

Um die volle Debattierclub-Experience mitzunehmen, melde ich mich als Rednerin und werde der PRO-Gruppe zugelost. Drei Minuten habe ich für meinen Beitrag und darf als Letzte aus unserer Runde den Schlussappell beisteuern.

Sobald ich an der Reihe bin, geschieht eine wundersame Verwandlung. Meine Schüchternheit als Debattierclubneuling verschwindet und ich mutiere zur feurigen Populistin, die eher auf große Emotionen statt auf rationale Begründungsmuster setzt und die Gegenseite skrupellos niederredet. Als ich mich gerade so richtig in Rage geredet habe, enden leider meine drei Minuten.

Abgesehen von der erneut tendenziell übermäßigen Gestik bekomme ich gutes Feedback. Populistische Appelle kommen an! Man schlägt mir sogar die Teilnahme an einer der nächsten öffentlichen Debattenduelle vor und ich sehe mich schon vom Rednerpult aus die Massen begeistern. 

Der Debattier-Größenwahn hat mich ereilt. Kann ich gar Kanzlerin?

Meine Höhenflüge werden jäh unterbrochen, der Übungsabend endet und die kühle Luft auf dem Nachhauseweg bringt mich wieder zur Besinnung. Die populistische Politikerinnenkarriere erscheint mir nicht mehr zwangsläufig der bestmögliche nächste Schritt, aber ich bin sicher, wenn ich an meinen Stimmmustern und der eingefrorenen Hand arbeite, darf ich bald wenigstens länger als bis 22 Uhr ausgehen.

DO:

  • Rhetorische Finessen bei der nächsten Gehaltsverhandlung anwenden

DON’T:   

  • am Rednerpult einen Stift in der Hand halten und hochmütig dozieren
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