Einen Lost Place erkunden
Gruselige, verlassene Orte – sogenannte “Lost Places” – haben mich schon immer gereizt. Ich will wissen, was das Rhein-Main-Gebiet dahingehend zu bieten hat und starte eine kleine Recherche. Die Google-KI erklärt mir direkt ungefragt, dass das unerlaubte Betreten von verlassenen Gebäuden und eingezäunten Grundstücken
als Hausfriedensbruch nach §123 des Strafgesetzbuches bestraft wird. Ich solle mich also gefälligst auf legale Ausflüge beschränken. Okay, okay.
Diese spießige Gouvernanten-KI provoziert mich zwar, aber da ich schon bei der ein oder anderen Mikro-Abenteueridee aufgrund von damit verbundenen Gesetzesverstößen Abstand genommen habe, wähle ich nun auch hier den Weg der braven Langweilerin und schaue mich nach Optionen ohne Einbrüche um…
Der berühmteste Lost Place in Frankfurt ist das Alte Polizeipräsidium zwischen Bahnhof und Messe, das seit 2002 verlassen herumsteht. Dort kann man sich für Führungen anmelden, wenn man gewisse Abenteuer-Tauglichkeits-Kriterien erfüllt.
Man muss mindestens 16 Jahre alt sein, soll eine leistungsstarke Taschenlampe, lange Hosen und feste Schuhe mitbringen. Man darf nicht schwanger sein, sollte körperliche Mobilität und uneingeschränkte Sehfähigkeit vorweisen können. Kinderwagen sind nicht erlaubt. Wer sollte dort auch mit über 16 Jahren drin sitzen, frage ich mich?!
Zum Glück erfülle ich sämtliche Kriterien, buche ein Ticket und betrete an einem Dienstagnachmittag mit 20 anderen, nicht schwangeren Volljährigen den mysteriösen Ort. Unser Führer ist ein ehemaliger Polizist mit über 40 Dienstjahren, inzwischen in Rente, der selbst noch 20 Jahre in diesem Gebäudekomplex gearbeitet hat. Ein echter Zeitzeuge also!
Aus Sicherheitsgründen müssen wir alle einen gelben Helm aufsetzen. Eine typisch deutsche Vorsichtsmaßnahme mit gewissem Erniedrigungsvibe direkt zum Start. Sollte hier eine Decke nicht mehr tragen, dürfte der schlecht sitzende Wackelhelm wenig helfen, aber die Stadt Frankfurt könnte behaupten: Wir haben nun wirklich alles getan.
Wir starten im Eingangsbereich des Hauptgebäudes und das ist ziemlich spektakulär. Tolle Säulen, kunstvolle Fenster und Treppengeländer, alles extrem hochwertig und mit Blick auf das Baujahr 1911 in gutem Zustand. Die Polizei damals sollte beeindrucken und einschüchtern, anders als öffentliche Gebäude heute, die Besucherinnen und Besucher beim Eintreten unmittelbar mit fehlenden Mitteln und schlechtem Geschmack konfrontieren.
Beim Zwischenstopp im Raum der Polizeikantine lässt sich unser Führer kurz zu Tiraden über die unmögliche Essensqualität hinreißen. Laut ihm hat hier niemand gespeist aus Angst vor gesundheitlichen Folgen.
Während wir die weiteren Stockwerke dieses riesigen heruntergekommenen Hauses besichtigen, lernen wir viel Interessantes über die Polizeiarbeit in den 80er und 90er Jahren und hören Anekdoten über überfüllte Zellen, frustrierende Ermittlungen und den alltäglichen Wahnsinn, den unser Kommissar selbst erlebt hat.
Nach dem Auszug der Polizei haben sich diverse Subkulturen das alte Präsidium angeeignet, deren Spuren überall präsent sind. Es gab einen bekannten Techno Club, Nutzung durch Künstlerinnen und Künstler, etliche Filmdrehs, ein Luxusrestaurant. Aber natürlich auch sehr viel Vandalismus, kriminelle Machenschaften und Nutzung durch Drogenabhängige und Obdachlose bis heute.
Ich habe von einem Boxring der Hells Angels gehört, frage danach und erfahre: Ja, den gibt es tatsächlich, aber heute ist keine Zeit für diesen Teil des Gebäudes. Schade.
Wie lange dieser Lost Place noch zur Verfügung stehen wird, ist unklar. In den 24 Jahren Leerstand gab es diverse Streitereien über die weitere Nutzung des 15.000 Quadratmeter großen Areals. Schwierigkeiten mit Randalierern und Kriminellen, unliebsame Hochhaus-Baupläne, eine insolvente Investorenfirma… man findet viele Artikel zum denkmalgeschützten Bau. Passiert ist bislang nichts.
Zum Schluss erfahre ich, dass man auch Spezialführungen für eine eigene Gruppe mit Extrawünschen buchen kann. Daraus lässt sich doch ein wunderbares, gemeinsames Midlife Happiness-Abenteuer machen! Haltet also die Augen offen, möglicherweise gibt es bald hier in der Montagsmail die Option, sich für eine herbstliche Taschenlampen-Gruselführung mit Hells Angels Boxring, schaurigem Keller und Gespenster-Dachboden anzumelden!
DO:
- den Führer mit etlichen Spezialfragen in den Wahnsinn treiben und die Führung damit in die Länge ziehen
DON’T:
- eigenständig um dunkle Ecken biegen und auf gute Bausubstanz hoffen
