4. Mai 2026

Friedhofs-Feminismus

Sich an Wochenenden durch überfüllte Ausstellungen schieben und für Bruchteile von Sekunden einen Blick auf ein Exponat erhaschen vor dem 23 Personen gleichzeitig versuchen, ein Selfie zu machen: für mich steht das auf gleicher Ebene wie der Besuch des Tropical Islands in Brandenburg oder regungsloses Zuhören bei einem fünfstündigen Free Jazz Konzert: so stelle ich mir den Vorhof zur Hölle vor.

Die Idee von “Enter Ghost” des Performance-Kollektivs “Swoosh Lieu” hat mich daher direkt angesprochen. Jenseits von den üblichen Ausstellungsflächen haben sie eine “cyberfeministische Séance” in Form eines Audio-Video-Walks über den Frankfurter Hauptfriedhof entwickelt, den man ALLEINE, ohne Selfie-Stick und wann auch immer man in der Laune dazu ist, umsetzen kann. Man lädt sich dazu eine Datei aufs Handy, zieht mit Kopfhörern los und beginnt dann am Alten Portal des Friedhofs den Video-Walk. Unterwegs nimmt man Kontakt mit Gespenstern auf, die den Weg zu Gräbern vergessener Frauen und queerer Personen weisen und über diese Menschen erzählen. 

An einem trüben Nachmittag bin ich losgezogen, um diesen 70-minütigen Spaziergang umzusetzen. Alleine auf dem Friedhof statt mit Sonntagsmassen im Städel. Für ein wenig Geisterstimmung wäre die Abenddämmerung gut gewesen, doch um 18 Uhr werden die Tore bereits abgeschlossen und eine unfreiwillige Übernachtung vor Gräbern wollte ich vermeiden. Um 16 Uhr ist der Gruselfaktor begrenzt, man kann sich also getrost auch als ängstlicher Mensch diesem Kunstprojekt aussetzen. Was mir besonders gefallen hat: Das Video gibt ein gemütliches Lauftempo vor, sodass ich meinen generalstabsmäßigen Stechschritt unterbrechen und in ein langsames Schlendern übergehen musste. In Kombination mit dem Ort Friedhof, der ja an sich schon etwas Entrücktes an sich hat, bin ich so in einen kontemplativen Zustand verfallen und dem Trubel der Großstadt kurz entflohen.

Den Informationsgehalt der Tour fand ich so mittel, aber die Idee dahinter toll und auch den Prozess an sich: alleine über den Hauptfriedhof wandeln, den ich in all meinen Jahren in Frankfurt weitgehend ignoriert habe und dabei über Leben, Tod, Frauenschicksale und Geister nachdenken. Verfügbar ist der Download noch bis zum 1. Juli und eine weitere cyberfeministische Séance hat das Kollektiv für den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg entwickelt, falls es jemanden in den Norden verschlägt.

DO:

  • unter alten Bäumen auf Bänken sitzen und die Ruhe genießen

DON’T:   

  • vom Audio-Video-Walk abschweifen, weil man über die eigene Beerdigung und wer wohl alles kommen würde, sinniert
  • den eigenen Vor- und Nachnamen auf Grabsteinen suchen (warum auch immer)
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