11. Mai 2026

Frühstück im Kino

Es ist ein strahlender Sonntagmorgen. Menschen kämpfen um die schönsten Sonnenplätze im Café, ich hingegen beteilige mich nicht an der einfallslosen Idee vom Brunch im Freien, sondern suche für den Start in den Tag einen dunklen, stickigen Raum auf. Ich frühstücke heute im Kino.

Die Doku “Dance Around the Self” über Siri Hustvedt zieht, abgesehen von mir, vor allem Frauen im Alter von Siri Hustvedt an, die sich wie ich mit Backwaren und Kaffee an der Kinokasse eindecken. Wir balancieren unsere Kinofrühstücke gekonnt in den Kinosaal, wo der Film auch direkt beginnt. Uns Morgenmenschen erspart man Vorschau und Werbung. 

Während der Startsequenz beiße ich beherzt in ein Pastel de Nata und erschaudere. Es ist sehr kalt und gummiartig, nur mit Milchkaffee lässt es sich herunterspülen. Macht aber nichts, denn für mich als Cineastin zählt ja alleine das filmische Erleben, über kulinarische Enttäuschungen kann ich hinweg sehen.

Die Doku ist toll. Wie der Titel vermuten lässt, handelt es sich um ein Portrait der wahnsinnig schlauen, stilvollen und wunderschönen Siri Hustvedt, die aus ihren Büchern liest, mit ihrer Lebensliebe Paul Auster in der Bibliothek ihres geschmackvollen Hauses in NYC liebevolle Unterhaltungen führt, eine innige Beziehung zu ihren drei Schwestern hat und gelegentlich intellektuelle Freundinnen trifft. Alles in diesem Film ist ästhetisch: ausschließlich schöne Menschen, schöne Räume und schöne Sätze. Meine boshafte Seite versucht, an diesem Intellektuellen-Leben etwas Ätzendes zu finden oder zumindest Siri als unsympathische Elitäre abzutun, aber vergeblich. Trotz schwieriger Phasen von Krankheit und Verlust, die natürlich nicht ausgelassen werden, komme ich nicht umhin: Ich will sein wie Siri!

In der Mitte des Films wird mein Kinoerlebnis unerwartet herausfordernd. Hinter mir nimmt verspätet ein Mann neben seiner Freundin Platz. Anders als man es Männern im Allgemeinen nachsagt, hat dieser keineswegs Probleme, die eigenen Gefühle zu kommunizieren. Jede Szene wird emotional eingeordnet. Siri und Paul sagen sich nette Dinge, hinter mir ein “ach süüüüß”, Schnitt zum idyllischen Elternhaus in Minnesota mit herbstlichen Bäumen - “oohh sehr schöööön, toll tolll”. Paul stirbt - “ohje ist das trauuuurig!”... Es nimmt kein Ende. Ich bleibe stumm, äußere meine wachsenden Aggressionen über die ungewollte Synchronkommentierung nicht. Habe ich etwa die Stoiker so sehr verinnerlicht? Bin ich bewundernswert tolerant? Oder vielleicht einfach sehr konfliktscheu? Eine Frau in meiner Reihe schreit nach hinten “Halt die Klappe!!”. Neben Siri ist sie die Heldin meines Vormittags.

DO:

  • Backwaren im Kino kaufen, auch wenn sie nicht schmecken: support your local Programmkino!
  • Siri Hustvedt lesen

DON’T:   

  • emotionale Männer ins Kino mitnehmen
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