25. Mai 2026
Gemeinsam Meditieren
Der Wunsch, meinen Alltag zu optimieren, ist mir nicht fremd. Eine lässige Laissez-Faire-Haltung gegenüber dem Leben fände ich zwar deutlich sympathischer, aber ein Blick in mein Bücherregal entlarvt mich schnell als ambitionierten Ehrgeizling mit sehr viel Selfhelp-Literatur zur Steigerung der eigenen Produktivität. Deep Work, Getting Things Done, Make Time und die berühmte 4-Hours-Workweek… Wer hier wissend nickt, gehört zum Club der Lifestyle-Optimierer.
Als Mitglied dieses Clubs lernt man schnell: viel Output und Höchstleistungen verlangen auch Ruhepausen. Die sogenannte Work-Life-Balance gilt es im Blick zu behalten. Selbstverständlich raten die Selfhelp-Gurus nicht zu ausufernden Saufgelagen oder Trash TV als Ausgleich zum perfekt durchdachten To-Do-Listen-Arbeitstag, sondern führen eher Yoga, Sauna oder Brot backen als sinnvolle Freizeitbeschäftigung an. Ganz hoch im Kurs steht auch Meditation. Wer etwas auf sich hält, startet den Tag um 5 Uhr früh auf dem Meditationskissen, wenn Ölziehen, der Genuss eines Glases warmen Wassers und Journaling bereits abgehakt worden sind.
Während es die meisten Maßnahmen nicht dauerhaft in meine Alltagsroutinen schaffen, ist mir dies mit der morgendlichen Meditation gelungen. 20 Minuten mit einer App, die einen Gong simuliert, sitze ich täglich in meinem “Meditationssessel” (die asketische Kissen-Variante ist mir zu anstrengend…) und atme. Manchmal gehe ich im Kopf meine To-Do-Liste durch, manchmal führe ich innere Streitgespräche, manchmal nicke ich kurz weg. Nach einer Phase toxischer Mindfulness, in der ich darauf bedacht war, auch JA RICHTIG zu meditieren und danach UNBEDINGT ENTSPANNT sein zu müssen, darf inzwischen alles da sein und ich übe mich in Akzeptanz, dem eigentlichen Sinn des Meditierens.
Bislang ist es ein Moment ganz für mich, Kontakt zu anderen ist dabei nicht vorgesehen. Wie wäre es nun aber, in einer Gruppe zu meditieren? Zeit für ein Mikro-Abenteuer! Dafür irgendwo hinzugehen ist mir zu aufwendig. Dank des Teams von “meditate with” kann man sich stattdessen ganz bequem morgens um 5:45 oder um 7:15 Uhr über einen Zoom-Link einwählen und dann online mit anderen entweder angeleitet oder ganz in Stille 45 Minuten lang meditieren. Ich entscheide mich für einen angeleiteten Donnerstagmorgen um 5:45 Uhr.
Das Abenteuer beginnt bereits am Vorabend, denn ich liege früh im Bett und sage mir unaufhörlich, dass ich nun wirklich ganz schnell einschlafen muss, weil der Wecker ja um 5.30 Uhr klingeln wird. Das klappt wunderbar. Ähnlich wie bei dem vorigen Mikro-Abenteuer erwache ich zusätzlich nachts häufig, diesmal nicht aufgrund von Kissenverlust, sondern mit der ständigen Befürchtung, dass sich Tiefschlaf ja gar nicht mehr lohnt, weil vermutlich GLEICH schon Zeit zum Aufstehen ist. Endlich ist es dann 5.30 Uhr und streberhaft um 5.45 Uhr klicke ich auf den Zoom-Link. Ich sehe diverse ungeduschte Meditationswillige sowie schwarze Fenster von Early Birds, die ihr Antlitz um 5.45 Uhr nicht zeigen möchten. Ich teste erst mit Kamera an, mache sie dann aber doch aus. Man muss ja nicht gleich übertreiben.
Die Meditationslehrerin Anjet beginnt und ich kann mich gut auf ihre Stimme und ihr Tempo einlassen. Für mich trifft sie genau die richtige Mischung aus Anleitung und Stille. Ich mag es nicht, wenn nonstop gesprochen wird und etliche Details vorgegeben werden. Inwiefern es für mich einen Unterschied macht, dass in anderen Wohnzimmern andere Menschen mitmeditieren, ist schwer zu sagen. Teilweise vergesse ich komplett, dass ich Teil einer Gruppe bin und vor einem Bildschirm sitze. Vielleicht ist aber meine erhöhte Konzentration Ergebnis des Formats. Ich erlebe es definitiv als bereichernd. Als das Ganze pünktlich um 6.30 Uhr beendet wird, denke ich mir “Moment, ich könnte noch länger!”. Eine naheliegende Reaktion einer Tim Ferris-Anhängerin. Doch statt meinen Meditationsehrgeiz zu verurteilen, bin ich ganz zen und mache mir meine darmfreundliche Kurkuma-Sojamilch bevor ich zu meiner 20km-Morgenjoggingrunde mit anschließendem Eisbaden aufbreche.
DO:
- Aufstehen, wenn die Welt noch schläft. Man fühlt sich erhaben
- Ausgleichsmittagsschlaf einplanen
DON’T:
- die anderen beobachten statt den eigenen Atem
