26. April 2026
Holotropes Atmen
Mein Erlebnis mit holotropem Atmen im letzten Jahr werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Kurz zusammengefasst: Ich war bei meiner eigenen Geburt dabei, wurde von meinen Vorfahrinnen an den Händen gehalten, bin durch ein dunkles Tal gewandert und habe dabei gesummt, geschluchzt, gelacht und war so traurig und glücklich wie selten - und das alles ganz ohne psychedelische Drogen, sondern allein basierend auf besagter Atemtechnik. “Laber net!” - würde dazu wohl der Hesse sagen, denn es klingt ja in der Tat abwegig und eher nach einem verdrängten Alkoholproblem oder dem Beginn bedenklicher Wahnvorstellungen. Fest steht: Die Technik an sich, die ich als Laie mit kontrolliertem Hyperventilieren beschreiben würde, hat sehr unterschiedliche Effekte auf Menschen und so ein trip mäßiger Zustand ist keine zwangsläufige Folge, kann aber eben vorkommen.
Zum Start meines Mikro-Abenteuer-Projekts erschien mir eine erneute Atemreise genau das Richtige! Das oben genannte Erlebnis dauerte mehr als drei Stunden und war Teil eines mehrtägigen intensiven Selbstfindungsseminars (was man mit 40 halt so macht). Mir war klar, dass sich diese Intensität vermutlich nicht bei einem abendlichen Breathwork-Event in Berlin Kreuzberg erneut herstellen lassen würde, aber mal sehen. Gemeinsam mit meinem Bruder habe ich mich für eine geführte Atemreise angemeldet und so landeten wir an einem Freitagabend mit drei anderen bei Mandy, einer ausgebildeten Atemtrainerin, in einem tollen Raum im 5. OG eines Kreuzberger Hinterhauses auf Yoga-Matten. Nach einer kleinen Einführung konnte die Reise beginnen.
Auf dem Rücken liegend, mit Abstand zu den anderen Teilnehmenden und ausgestattet mit einer Augenbinde konnte ich mich besser als befürchtet auf mich selbst konzentrieren und die anderen weitgehend ausblenden. Die erste Phase war relativ anstrengend, weil der Körper nicht daran gewöhnt ist, keine Atempause zu machen. Man atmet stark ein, lässt den Atem ausströmen und das in einem recht hohen Tempo. Körperteile können anfangen zu kribbeln. Das Interessante: Auf körperlicher Ebene zeigen sich im Verlauf der Atemreise oft Muster, die so (häufig unbewusst) auch im Alltag vorkommen. Ich habe beispielsweise intuitiv begonnen, meine aufgestellten Beine rythmisch von links nach rechts zu bewegen. Mandy, die jede einzelne Person im Blick hat und begleitet, hat diese Bewegung sanft gestoppt und sobald Stillstand eingetreten ist, hat mich eine Welle großer Traurigkeit geflutet, sodass ich heftig weinen musste. Nach etwa zwei Minuten war es wieder vorüber. “Traurigkeit abgehakt!” denkt sich mein optimierender Geist. Danach kam dann das Gefühl von Erleichterung und fast schon Euphorie.
Was ich daraus für mich abgeleitet habe: In meinem Alltag bleibe ich viel in Bewegung, um vermeintlich unangenehme Emotionen nicht spüren zu müssen. Stoppen, Zulassen und Durchleben kann sehr befreiend sein. Klingt möglicherweise banal, macht aber tatsächlich einen Unterschied, wenn man es körperlich erlebt.
Nach einer Stunde endete die Reise mit einer entspannenden meditativen Schlussphase. Ich hätte gerne noch länger gemacht, weil ich das Gefühl hatte, jetzt erst so richtig drin zu sein. Gib mir, Unterbewusstsein! Leider war dann aber bereits wieder normales Ein- und Ausatmen angesagt. Tee und Kekse zum Ausklang statt abgedrehte Halluzinationen - damit kann ich gut leben. Fazit: absolute Empfehlung, insbesondere für kopfgesteuerte Menschen wie mich!
DO:
- nach angeleiteten Breathwork-Sessions Ausschau halten
- sich am Tag danach Zeit für sich selbst nehmen
DON’T:
- zu Hause alleine spontan holotrop atmen
- die Macht des Atmens unterschätzen! Traumata können sich zeigen, daher braucht es Begleitung durch Leute, die ausgebildet sind
- danach auf ne Party gehen
