Im Linksverkehr Auto fahren

Was passiert wohl mit den synaptischen Verschaltungen in meinem Gehirn, wenn ich sämtliche internalisierten Handlungen im Straßenverkehr exakt anders herum tun muss? Um dieser Frage nachgehen zu können, muss ich deutsche Autobahnen verlassen und mich in einen abenteuerlichen Linksverkehrsdschungel begeben.

Anders als vermutet, könnte ich das tatsächlich in über 60 Ländern der Welt tun. Danke Kolonialismus! Statt das Mikro-Abenteuer in Neuseeland, Pakistan, Botswana oder auf den Bahamas anzugehen, entscheide ich mich für das Ursprungsland dieser Unsitte: Great Britain.

Fun Fact: Der Linksverkehr basiert auf einer Tradition im Mittelalter. Aufgrund der Mehrzahl der Rechtshänder in der Bevölkerung trugen Ritter das Schwert auf der linken Seite. Ritt man auf der linken Seite des Weges, konnte man mit der rechten Hand Entgegenkommende grüßen.

Ganz ohne Schwert steige ich an einem Samstagnachmittag in ein Mietauto in London und lande zunächst mit dem Autoschlüssel auf der Beifahrerseite. Meine Synapsen sind noch nicht neu verknüpft. 

Zum Glück fährt mein Vater das Auto vor mir und so kann ich sämtliche Fehler bereits beobachten, bevor sie mir selbst drohen. Am Parkplatzausgang versucht er vergeblich, das Ausfahrticket in den dafür vorgesehenen Schlitz zu stecken, der Abstand ist viel zu groß oder sein Arm zu kurz. Das passiert mir nun nicht! Ich fahre dicht rechts ran und fühle mich sehr souverän.

Doch dann beginnt das eigentliche Abenteuer! Die Sitzposition in der Mitte der Straße bringt das antrainierte Abstandsverhalten komplett durcheinander. Nie weiß ich, wie weit ich vom linken Straßenrand entfernt bin. 

Mein Vater vor mir fährt jedenfalls auffallend nah am linken Rand und so korrigiere ich meine eigene Straßenposition, indem ich mich verhalte wie damals in der Pubertät und nicht das tue, was mir meine Eltern vorgeben. In diesem Fall ist es von Erfolg gekrönt.

Ich bilde mir bereits ein, ein echter Linksfahr-Profi zu sein, als vor mir der Endgegner auftaucht: ein Kreisverkehr. Alles in sich sträubt sich dagegen, IM Uhrzeigersinn durch den Kreisel zu fahren und beim Einfahren insbesondere auf den Verkehr von rechts zu achten. 

Die Durchfahrt gelingt und auch mein Vater dreht nur wenige Runden und kommt ohne Blechschaden an der gewollten Ausfahrt heraus.

Mein Cousin neben mir auf dem Beifahrersitze ist ein entspannter Mitfahrer, der mir voll vertraut und sich im Londoner Autobahngewirr beruhigend auf mein Nervensystem auswirkt. 

Die Situation ändert sich nach einer Pause an der Raststätte. Meine Mutter steigt auf der Beifahrerseite ein.

Unsere Route führt uns nun auf eher enge kurvige Straßen. Abstandhalten zum linken Straßenrand wird anspruchsvoller. Meine Mutter hält sich verkrampft an der Tür fest und atmet schwer. Gelegentlich entfährt ihr ein panisches “Oh”. Sie hält meine Fahrweise für “zu zackig”. Ich wünsche mir meinen Cousin zurück, der allerdings meinen Vater am Steuer abgelöst hat und nun einwandfrei mittig vor mir die britischen Straßen meistert.

Nach zwei Stunden Linksverkehr merke ich kaum mehr, dass etwas anders ist. Ich erreiche den Zielort und fühle mich durch und durch britisch. Ob ich nun zu Hause nach diesem Mikro-Abenteuer zur Geisterfahrerin werde? Ich bin mir unsicher, wie schnell meine Synapsen wieder zurück switchen können. Links herum ist mir auch einfach sympathischer als mich an Rechts zu halten.

DO:

  • Gelegentliche Perspektivwechsel

DON’T

  • Mietauto ohne Vollkasko
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