In die Welt des Adels eintauchen

Es gibt sie noch, die Events, die ausschließlich Angehörigen aus europäischen Adelsgeschlechtern vorbehalten sind. Man könnte meinen, die Zeit der “von und Zus” sei  vorüber, aber es treffen sich meines Wissens noch immer Menschen auf fürstlichen Anwesen zur Fuchsjagd oder für ausschweifende Bälle, die ich mir wie eine verstaubt, konservative Version von Great Gatsby Parties vorstelle.

Auch wenn das Programm nicht zwangsläufig sympathisch klingt, möchte ich doch UNBEDINGT einmal in diese Parallelwelt eingeladen werden. Auf meiner Mikro-Abenteuerliste steht eine Adelsveranstaltung weit oben, aber leider hat mir der Nachname Meister mit seinem Odeur nach Handwerk noch keine herrschaftlichen Türen geöffnet. Auch ist es mir bislang nicht gelungen, mit einem Prinzen, Fürsten oder Großherzog anzubändeln und als Begleiterin mitgenommen zu werden.

So bleibt mir  vorerst nichts anderes, als weiterhin auf meine exklusive Einladung zu warten und mich solange möglichst intensiv in die Gepflogenheiten des Adels einzuarbeiten. Wo könnte man das besser als in einem Schloss?

Mein Ziel ist es, mit Spezialwissen punkten zu können, und so melde ich mich zur abenteuerlichen Führung mit dem Titel “Hygiene im Mittelalter. Vom Schönsein und dem notwendigen Übel der Toilette” im Schloss Weilburg an. Kenntnisse zu Körperpflege, Infektionen und unappetitliche Details können mir später bei Fuchsjagden sicherlich dienlich sein. Wer möchte nicht gerne unterhaltsame Anekdoten über Klogänge des Adels bei der Treibjagd hören?

Die engagierte Museumspädagogin startet mit uns in der Schlossküche. Wenig überraschend waren Fairy und Pril im 18. Jahrhundert noch nicht im Sortiment der Kaufläden und so sammelten sich festklebende Essensreste in den Töpfen aus Kupfer, die mit diesem Metall zum Teil reagierten und gesundheitsschädliche Gemische zur Folge hatten. Molekularküche in unangenehm.

Geruchlich dürfte das Mittelalter interessant gewesen sein. Es gibt eine tolle große Badewanne im Schloss Weilburg, doch der Aufwand, dafür Wasser zu erhitzen, war recht groß, sodass das Schaumbad eher besonderes Happening statt regelmäßige Hygieneprozedur war. Selbstverständlich wurde nicht nackt gebadet, die herrschaftliche Dame musste ihr langes Gewand auch in der Wanne tragen. Im zugigen Gemäuer, eingepackt in etliche nasse Baumwollschichten… Mittelalter-Wellness erinnert an einen verregneten Campingurlaub im November.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte ein Engländer dann die Idee zu einer Dusche, die auch die Weilburger Adligen toll fanden. Auf einem Bild wird uns die Konstruktion gezeigt. Das Wasser kam natürlich nicht aus einem Hahn, sondern musste von einem Diener von oben geschüttet werden, der sich möglichst dezent auf einem Stuhl hinter dem Duschenden platzieren musste. Keine Privatsphäre bei der Körperpflege.

Eindeutig das zentralste Thema der Schlossführung ist der Stuhlgang. Wir haben es insbesondere Liselotte von der Pfalz zu verdanken, dass wir bestens über die Problematik des Kloganges am Hofe informiert sind. Liselotte schrieb fleißig Briefe aus Versailles an ihre deutschen Verwandten und äußerte sich in derbem Pfälzisch sehr ausführlich über den Mangel an Toiletten. Hier nur ein kleiner Auszug. Ihren gesamten Unmut über das Scheißen findet man hier.

Sie sind in der glücklichen Lage, scheißen zu gehen, wann Sie wollen, tun Sie es also! Wir hier sind nicht in derselben Lage, hier bin ich verpflichtet, meinen Kackhaufen bis zum Abend aufzuheben. (...) Ich habe den Kummer, hinausgehen zu müssen, wenn ich scheißen will, das ärgert mich, weil ich bequem scheißen möchte, und ich scheiße nicht bequem, wenn sich mein Arsch nicht hinsetzen kann.

Nicht nur der Adel, auch das gemeine Volk hatte gewisse Herausforderungen dahingehend zu meistern. Wenn man im 18. Jahrhundert unterwegs mal musste, gab es sogenannte “Abtrittanbieterinnen”, deren Job es war, den Menschen mit Harndrang ihre großen Mäntel umzulegen, damit diese darunter unbehelligt in Eimer machen konnten. 

Augen auf bei der Berufswahl, sag ich mal. Wer mehr über diesen Scheißjob und andere ausgestorbene Berufe erfahren möchte, sollte sich diese Podcastfolge anhören. 

Ich fühle mich jedenfalls vorerst ausreichend informiert über adlige Hygiene, die Einladung zum Prinzessinnenball kann kommen.

DO:

  • beim nächsten Zahnarztbesuch große Dankbarkeit dafür empfinden, dass der Zahn nicht von einem Schmied mit verdreckter Zange gezogen wird
  • für Mittelalter-Vibes einfach mal in langer Abendgarderobe baden

DON’T:   

  • Trend der gepuderten Perücke wiederbeleben
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