Kontrolle abgeben im Friseursalon

Zu meinen Haaren habe ich ein angespanntes Verhältnis. Jeden Tag aufs Neue hoffe ich nach dem Duschen, dass das Volumenshampoo endlich seine versprochene Wirkung entfaltet, leider vergeblich.

Seit dem Erwachen der kritischen Selbstbetrachtung im Pubertätsalter beneide ich Menschen mit wallenden, dicken, lockigen Haaren und wenn mir eine Freundin erzählt, ihre Haarpracht müsse beim Friseur ausgedünnt werden, steigt die Wut in mir hoch.

Es gibt sie jedoch, die unerwarteten Momente der plötzlichen Haarzufriedenheit. Sie entstehen verlässlich am Morgen des Tages, an dem ich einen Friseurtermin ausgemacht habe. Ausschließlich dann denke ich, dass meine Haarwirbel heute ganz besonders gut wirbeln und die dezente Naturwelle mein Gesicht hübsch umspielt.

So ein Tag ist heute. Leicht wehmütig mache ich mich auf den Weg zum Salon “indiskret”, der sich positiv von Konkurrenten abhebt, weil hier nicht versucht wurde, ein lustiges Haar-Wortspiel in den Titel zu integrieren. Ich war dort noch nie, aber meine Freundin Nora hat mir diesen kleinen Laden empfohlen und ihre immer gut geschnittene Haarpracht hat mich direkt überzeugt.

Dies wird kein normaler Friseurbesuch, sondern ein aufregendes Mikro-Abenteuer! Heute gebe ich nämlich die Kontrolle komplett ab und überlasse der Friseurin die Entscheidung darüber, was genau gemacht werden soll. Ihr Auftrag: Sie soll mir die ihrer Meinung nach bestmögliche Frise verpassen!

Als ich die  gute Nachricht der vollkommenen Freiheit überbringe, reagiert die Friseurin begeistert und geschockt gleichzeitig. Da wir uns nicht kennen, sorgt sie sich anfangs noch, mir einen Look zu verpassen, der so gar nicht zu mir passt. “Naja, du siehst jetzt nicht aus wie eine biedere Tussi”, sagt sie. Diese Einschätzung freut mich. Ich ermuntere sie und beteuere, dass sie wirklich ALLES tun und auch radikale Varianten wählen darf.

Sie ist wirklich sehr nett, wir verstehen uns auf Anhieb und ich bin froh, für dieses gewagte Abenteuer bei dieser Person gelandet zu sein. Nur ganz kurz steigen Zweifel in mir auf, als sie vorschlägt, mir “etwas Freches “ zu schneiden. Wir wissen alle, was dieser Satz bedeuten kann…. Wird sie sich gar für rote Strähnen und einen fransigen Gisela-Pony entscheiden?!

Sie beginnt und es fallen lange Haarsträhnen rechts und links auf den Boden. Ich bin aufgeregt und freue mich, dass sie sich was traut und nicht nur Spitzen schneidet. “Das ist wirklich das Coolste überhaupt, du rettest meinen Tag!” sagt sie. So einfach kann man Friseurinnen glücklich machen.

Während ich auf meine Typveränderung warte, lausche ich der Kundin neben mir, die unendlich langweilige Details aus ihrem Leben erzählt. Was man sich im Haarschneide-Business so alles anhören muss… Da lobe ich mir doch meinen einsamen Schreibtisch ohne ungewollte Berichte über die letzte Magen-Darm-Erkrankung des Dackels und die Highlights der Speisekarte im All-inclusive-Club auf Teneriffa.

Nach 45 Minuten präsentiert mir die Friseurin ihr Werk und ich bin begeistert. Sie freut sich, dass ich mich freue und so entsteht ein gut gelauntes Nachher-Foto. Mit einem frechen Kurzhaarschnitt ganz ohne rote Strähnen verlasse ich den Salon und weiß jetzt schon, ich werde wiederkommen!

DO:

  • Menschen vom Fach vertrauen

DON’T

  • Fotos von Stars beim Friseurbesuch vorzeigen und es den mangelhaften Fähigkeiten der Friseurin zuschreiben, dass man nach 45 Minuten nicht genau so aussieht
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