Kulinarisch experimentieren

Ich kenne Leute, die sagen Sätze wie: “Ich liebe Kochen! Dabei kann ich so herrlich entspannen” oder “Ach nein, lass uns nicht essen gehen, ich zaubere uns schnell was” oder  “Am Wochenende probiere ich ein Rezept von Ottolenghi. Die sind immer so einfach und ich habe sämtliche Zutaten dafür im Schrank.” 

Ich sage solche Sätze nicht. Bis eben dachte ich, der Typ hieße Otto Lenghi. Meine Begeisterung beginnt nämlich erst bei dem, was nach der Nahrungsproduktion kommt: essen. Wie man sich denken kann, ist es mir daher eher lästig, meine Mahlzeiten zu planen oder gar dafür einkaufen gehen zu müssen. Aus mangelnder Koch-Kreativität kaufe ich häufig die gleichen Dinge und das schon seit Jahren. In der Obst- und Gemüseabteilung bedeutet das: Kartoffeln, Tomaten, Zucchini, Aubergine, Paprika und selten, wenn ich ganz experimentell gelaunt bin, auch mal Radieschen oder eine Stange Lauch.

Doch heute steht ein kulinarisches Mikro-Abenteuer an! Ich betrete die Gemüseabteilung im Supermarkt und suche gezielt nach einem Produkt, das ich garantiert noch niemals zubereitet habe. Mein Blick fällt zunächst auf Rettich und Sellerie. Ich kann mich nicht entsinnen, diese jemals gekauft zu haben, weil ich ihnen auch geschmacklich wenig abgewinnen kann. Direkt daneben tummeln sich diverse Kohlköpfe. Weißkohl, Rotkohl und Chinakohl… Sie alle wurden bislang bei jedem Einkauf schnöde ignoriert. Mir fiel kein Grund ein, zu so einem Kopf zu greifen, eine Kohlsuppendiät stand nie auf dem Programm. Nur Spitzkohl hat es schon in den Einkaufskorb geschafft, weil der ja in Restaurants als Mode-Kohl gehandelt wurde und man will ja mit der Zeit gehen. Habe ihn im Backofen verkohlen lassen, geruchlich definitiv unangenehm.

Aber heute bin ich mutig und wähle einen Chinakohl für mein kulinarisches Abenteuer aus. Irgendwas wird sich doch daraus zubereiten lassen. Ich gebe “Rezept Chinakohl einfach und schnell” bei Google ein und im KI-Modus wird mir direkt “Yum Yum Salat mit Chinakohl” empfohlen. Yum Yum?! Dieses wunderbare Tütensuppenkonzept hat mich durch mein Studium begleitet und wenn ich nur an den Glutamat-Geschmack auf der Zunge denke, wird mir warm ums Herz. Die KI kennt mich besser als mir lieb ist…

Das Rezept “Weltbester Yum Yum Salat mit Chinakohl” wird von der Autorin Mona als “das meist gehandelte Geheimrezept” und “beliebtester Partysalat der letzten Jahre” angepriesen. Zu meiner großen Freude erweist sich die Zutatenliste als sehr überschaubar. Man benötigt zwei Packungen Yum Yum Suppe Geschmacksrichtung Chicken, Chinakohl, Sonnenblumenkerne und Mandelstifte. Beim Dressing beeindrucken drei EL Zucker. Ich lege alles bereit und beginne mit der unterkomplexen Zubereitung, die sich mit “alles zerkleinern und mischen” zusammenfassen lässt.

Anders als andere Kochversuche gelingt dieser Geheimtipp sofort. Nach nur drei Minuten steht mein Werk vor mir und wird mir nun als Mittagessen dienen. Geschmacklich ist es weniger schlimm als befürchtet. Die Tütensuppenmischung, die man in das Dressing kippen sollte, sorgt für einen langen Nachgeschmack, der ein wenig länger anhält als einem lieb ist. Bestimmt ist Chinakohl unglaublich gesund, denke ich, während ich die beträchtliche Menge des weltbesten Yum Yum Salats in mich hineinschaufel und mit viel Wasser herunterspüle.

Mein Fazit: lieber wieder essen gehen oder bei einfallslosem Ofengemüse bleiben. Bei der nächsten Grillfeier möchte ich aber natürlich unter all den ungesalzenen Kartoffel- und Nudelsalaten hervorstechen und werde mit diesem Partyhit garantiert große Beachtung finden. Dann könnt ihr Otto-Lenghi-Jünger alle einpacken!

DO:

  • geschmacksintensiven Nachtisch einplanen, um Yum Yum-Nachgeschmack abzulösen
  • Kohl eine Chance geben

DON’T:   

  • Glutamat verteufeln
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