Musik am Stück anhören

Mit großen Kopfhörern und konzentriertem Blick, der Welt ein wenig entrückt – so stand ich etliche Nachmittage im CD-Laden und habe in die neuesten Alben reingehört, um dann zu entscheiden, welche EINE CD ich mir von meinem Taschengeld leisten würde. Auf den meisten CDs gab es ein bis zwei Hits, die ich aus Musikvideos auf MTV oder Viva kannte (wer nicht weiß, wovon hier die Rede ist, kann unmöglich schon im Midlife angekommen sein…). Da das finanzielle Investment in eine CD für damalige Verhältnisse groß war, waren vor allem die Nicht-Hits wesentlich für die Kaufentscheidung. Immerhin musste ich das Ding ja dann zur Freude meiner Familienmitglieder rauf und runter hören, weil die heimische CD-Sammlung bis auf die Bravo Hits 9, eine Maxi-CD der Backstreet Boys und Kuschelrock Vol. 5 nicht viel hergab.

Diese Zeiten sind lange vorbei. So ziemlich JEDER Song ist sofort überall abspielbar. Dass Spotify für die Bands ein Alptraum ist, findet man zwar wirklich ärgerlich, nutzt es aber dennoch. Ich jedenfalls bin eine von denen, die tagein tagaus eigene Playlisten über diese App hört und sich auch gerne Songs vom Algorithmus vorschlagen lässt, weil dieser auch meine geheimen “Guilty Pleasure” einberechnet, zu denen ich mich niemals öffentlich bekennen würde.

Die Folgen sind gravierend. Ich habe verglichen mit früher sehr wenig Bezug zu den Bands, teilweise weiß ich nicht einmal, von wem ein oft gehörter Playlist-Song überhaupt ist. Ähnlich wie auf Dating-Apps sorgt der Überfluss der Optionen für sehr ungerechte Beurteilung. Wenn sich ein Track in den ersten 20 Sekunden nicht sofort erschließt, weg damit, gleich den nächsten anklicken (Dating-Äquivalent: hässliche Armbanduhr…. bah! sofort links wischen!). Die mühevoll zusammengestellten Alben höre ich nicht mehr als Ganzes, denn anders als damals im Musikladen kann ich Hit an Hit reihen und muss mich mit allem dazwischen nicht mehr beschäftigen.

Aber heute durchbreche ich dieses Muster und versuche, mein einstige auditive Konzentrationsfähigkeit wiederzubeleben! Ich beschließe, wie in guten alten Zeiten, ein Album komplett am Stück anzuhören, mich wirklich darauf einzulassen, ohne Nebenbeschäftigungen oder Weiterklicken. Meine Wahl fällt auf “Kluft”, das neueste Album von Martin Kohlstedt. Er ist der einzige Künstler, dem ich bereits einen handschriftlichen Fan-Brief geschickt habe. Das Internet beschreibt seinen Stil folgendermaßen: Neoklassik trifft Ambient, Minimal Music und elektronische Klangkunst. Ich finde seine Klavierstücke großartig (Song-Empfehlungen: GOL oder VIA oder JIN) und war schon mehrfach bei Livekonzerten, bei denen er grandios improvisiert. Wen es interessiert: Am 28. Juli tritt er Open Air im Palmengarten auf.

Dieses Mikro-Abenteuer passt hervorragend zu den aktuellen Temperaturen. Ich lege mich im abgedunkelten Schlafzimmer aufs Bett und höre 42 Minuten lang zu. Das Ganze beginnt mit elektronischen Klängen, die sich anhören, als wäre etwas mit meinen Boxen nicht in Ordnung. Ich checke die Verbindung und merke “achso, das gehört so”. Sobald ich mich daran gewöhne, finde ich es recht gut. Während dem Liegen und Zuhören habe ich definitiv den ein oder anderen Impuls, einen Track weiterzuklicken oder irgendetwas parallel zu tun… sinnloses auf dem Handy herumtippen zum Beispiel. Ich lasse es sein und bin stolz auf meine unglaubliche Selbstdisziplin.

Die Musik könnte auch eine Filmszene untermalen und so zoome ich raus, sehe mich selbst auf dem Bett liegend als Charakter in einem Kinofilm. Arthouse Drama natürlich, der Plot ist unklar. Das hat was von Meditation, bei der es ja auch darum geht, in eine beobachtende Position zu wechseln. Noch besser klappt die Filmimagination beim Musikhören im Auto oder Zug. Machen das andere auch oder ist das eine meiner freakigen Eigenheiten?!

Wie dem auch sei: sich auf ein Album einlassen und ganz bewusst anhören kann ich empfehlen. Vielleicht wiederhole ich das morgen direkt mit einer meiner CDs aus der Jugend und stelle mir dabei vor, ich sei nochmal 14, Lavalampe neben dem Bett und meine größte Sorge: Lächeln mit Zahnspange.

DO:

  • Songs aus der Jugend wiederhören

DON’T:   

  • dem Algorithmus deine Musikauswahl überlassen
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