Puzzlen

Der Einsatz von Puzzlen kam in meinen letzten 35 Lebensjahren ausschließlich in Kinderspielsituationen vor, bei denen ich bemüht war, die Auge-Hand-Koordination meiner Neffen und meiner Nichte zu fördern. An sich bin ich eine engagierte, geduldige Babysitterin. Wenn aber vergeblich mehrere Minuten lang unfassbar ungeschickt versucht wird, einen Holz-Elefanten in die Form einer Holz-Giraffe hineinzudrücken, kribbelt es nervös in meinen Fingern, ich kann nicht an mich halten und löse das unterkomplexe Tier-Puzzle umgehend selbst. 

Ähnlich außer Kontrolle gerät mein empathisches Babysitter-Ich sonst nur beim weihnachtlichen Plätzchenbacken mit Kleinkindern. Diese Unholde haben keinen Sinn für Ästhetik und produzieren unappetitliche unförmige Haufen, die sie dann auch noch mit klebrigen großen Haufen Zuckerperlen “schmücken” möchten…

Nie bin ich bislang auf die Idee gekommen, ganz ohne Kinder Plätzchen zu backen oder gar alleine zu puzzlen. Kürzlich hatte ich jedoch abends Besuch und statt der üblichen Weinflasche wurde mir ein 1000-Teile-Puzzle überreicht. Das Motiv ist ein dicker, alter, übermäßig tätowierter Boxer, der nur mit Shorts bekleidet in seinem Boxgym steht und einen ziemlich frustrierten Eindruck macht.

Wer möchte diesen Schnappschuss nicht sofort auf dem Wohnzimmerboden zusammenpuzzlen?! Eben. Und so kippe ich wagemutig an einem trüben Dienstagnachmittag 1.000 Puzzleteile auf die Dielen. 

Das erste Learning ereilt mich bereits nach 15 Minuten: Sobald die Zeit der Gummigelenke im Kindesalter vorüber ist, sollte man unbedingt an einem Tisch puzzlen. Die starre, gebeugte Hocke über einen längeren Zeitraum sorgt für Rückenschmerzen, die mir so bislang unbekannt waren. Andere haben einen Tennis-Arm, ich nun einen Puzzle-Rücken.

Dunkel erinnere ich, dass es wohl sinnvoll ist, mit dem Rand zu starten. Ehrlicherweise sind das auch die einzigen Teile, die ich relativ problemlos ausfindig machen kann. Ich setze diverse Randpuzzleteile zusammen und muss beschämt feststellen, dass ich nicht allzu weit von der Elefanten-Giraffen-Kleinkinder-Problematik entfernt bin. Ob das Teil nun so wirklich passt oder nur ansatzweise, ist nicht immer sofort erkennbar.

Wenn dann aber doch mal was perfekt ineinandergreift, ist es ein wunderbares Gefühl und mein struktur- und formbedürftiges Monk-Gehirn jauchzt.

Eigentlich habe ich eine lange To-Do-Liste, aber dieses Mikro-Abenteuer nimmt mich gefangen. Langsam wird es dunkel, ich habe seit Stunden nichts gegessen und getrunken, doch vom dicken Boxer ist noch immer wenig zu sehen.

Meine sonst sehr gemütliche schummrige Wohnzimmerbeleuchtung wird mir zum Verhängnis. Es lässt sich bei bestem Willen nicht mehr erkennen, ob das Puzzleteil der moosgrünen Wand, dem froschgrünen Handschuh oder der sattgrünen oberen rechten Ecke zuzuordnen ist. Erschöpft liege ich auf den Dielen, Puzzleteile kleben an meiner Wange und ich beschließe, morgen weiterzumachen.

Direkt nach dem Aufwachen begebe ich mich zu meinem Puzzle-Chaos und ignoriere sämtliche Vormittagstermine. Falls ihr euch fragt, was eure wenig präsenten Kolleginnen und Kollegen im Home Office so tun… fragt mal unauffällig nach Puzzle-Tipps.

Gerne würde ich behaupten, das Boxstilleben problemlos fertig gepuzzelt zu haben. Dem ist nicht so… Die Leidenschaft ist so schnell verpufft, wie sie gekommen ist.

Mein Wohnzimmerboden wird wohl nun längerfristig nicht nutzbar sein.

DO:

  • erstmal klein anfangen mit einem Holz-Tier-Puzzle

DON’T:   

  • auf einem Dielenboden puzzlen, in dessen Ritzen diverse Teile verschwinden..
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