Sonnenaufgang anschauen
Wenn man im Internet nach Mikro-Abenteuern sucht, stellt man fest, dass sich bereits vor mir Menschen Gedanken zu diesem Thema gemacht haben. Man findet einige Umsetzungsvorschläge, die ich zum größten Teil leider sehr unkreativ und wenig interessant finde. Ein offenbar naheliegendes Alltagsabenteuer, das auch ChatGBT direkt empfiehlt, ist das Betrachten des Sonnenaufgangs. Kann das als Abenteuer zählen?! Wenn verkehrt herum im Bett schlafen gilt, dann wohl schon.
Es ist Samstagabend, mir fehlt noch ein Mikro-Abenteuer für diese Woche und morgen muss der Text dazu verfasst werden. Midlife Happiness Stress! Ich kann mich weder dazu aufraffen, einem experimentellen Tanztheater im Mousonturm beizuwohnen, noch beim chinesischen Spieleabend im Konfuziusinstitut Mah-Jongg zu lernen. Beides vielversprechende Optionen auf meiner Liste, aber bitte nicht bei 35 Grad. Somit bleibt nur der frühe Sonntagmorgen für Abenteuerlichkeit. Meinetwegen, dann muss also der Sonnenaufgang herhalten.
Mein Wecker klingelt um 4.40 Uhr. Kann man machen, muss man nicht. Laut Internet ist ein geeigneter Ort für den Sonnenaufgang pünktlich um 5.13 Uhr die Flößerbrücke, von der man einen tollen Blick auf die Frankfurter Skyline hat. Ich fahre los mit dem Fahrrad und mag es, so früh unterwegs zu sein. Anders als die meisten Menschen, die mir begegnen, bin ich halbwegs frisch und nicht alkoholisiert.
Ich stehe um 5.11 pünktlich auf der Brücke und warte brav bis 5.13 für mein Foto von der Skyline. Es muss alles seine Richtigkeit haben. Über die Brücke gegenüber laufen junge Menschen in Abendgarderobe, ich tippe auf ABI-Ball. Sie singen einen bekannten Popsong und sind bestens gelaunt. Ich denke an meine eigene ABI-Zeit und werde ein wenig melancholisch. Ich bin froh, nicht mehr 18 zu sein und das Letzte, was ich vermisse, ist meine Schulzeit. Trotzdem werde ich ein bisschen wehmütig, wenn ich an meine angenehme Naivität denke und meine bevorstehenden Abenteuer. Damals waren die eher Makro und nicht Mikro. Den Sonnenaufgang anschauen war nicht das wildeste Erlebnis der Woche. Hm. Heute wohl eher Anflüge von Midlife Crisis statt Sonnenaufgangs-Happiness…
Ich mache ein Foto von Skyline und singenden Abiturientinnen, steige aufs Rad und fahre zurück. Was mache ich nun um 5.30 Uhr, wenn die Welt noch schläft?! Kaffeetrinken auf meinem Balkon erscheint mir eine gute Option. Es geht ein kühles Lüftchen, ich erfreue mich an drei noch nicht vertrockneten Balkonblumen und finde in diesem Moment mittelalt sein auch ganz okay.
DO:
- mit einem lauten Radiowecker dafür sorgen, dass auch die Nachbarn in den Genuss der blauen Stunde am Morgen kommen
DON’T:
- um 5.30 Uhr nach einem geöffneten Bäcker für frische Brötchen suchen
