18. Mai 2026
Würfeln in der U-Bahn
Mein Alltag in Frankfurt ist geprägt von festen Routen: rund um meine Wohnung kenne ich die Straßen in- und auswendig, mit dem Fahrrad fahre ich die immer gleichen Strecken und die am meisten frequentierte U-Bahnlinie ist die Nr. 4. Nur an wenigen exotischen Tagen betrete ich eine S-Bahn oder überquere gar den Fluss in Richtung Sachsenhausen. Im eigenen Mikrokosmos ist es ja eh am schönsten.
Was ist denn aber mit Praunheim, Bonames, Hausen oder dem Riedberg?! Wieso nicht mal Eschersheim, Ginnheim oder hinauf auf den ominösen Frankfurter Berg? Weil es in der Regel absolut keinen Grund dafür gibt. Doch heute ist es soweit! Meine mich besuchende Freundin Christine wird in den ausgeklügelten Plan eingeweiht, der großartige Abenteuer verspricht: Wir wählen eine selten bis nie genutzte U-Bahnlinie, packen zwei Würfel ein und lassen den Zufall entscheiden, wo wir aussteigen. Unsere Wahl fällt auf die U5 Richtung Preungesheim. Schon der Klang der Endstation lässt Großartiges vermuten.
Nach dem Einstieg an der Konstablerwache wird es hoch spannend: Wir lassen die Würfel entscheiden, wie viele Stationen bis zum Ausstieg zurückgelegt werden sollen. Beim ersten Versuch fliegen diese durch die Bahn - ein Wink, doch lieber in Bornheim zu bleiben? Wir versuchen es erneut und finden heraus, dass das Schicksal uns zur Haltestelle “Theobald-Ziegler-Straße” schickt. Bereit für Streifzüge durch unwirksames Gelände, unerwartete Begegnungen und kulinarische Überraschungen springen wir aus der Bahn. Es erwartet uns zunächst eine kleine Parkanlage mit Fitnessgeräten und Fußballplatz, alles neu und hochwertig, die Kinder in Bornheim wären neidisch! Google nennt die drei angrenzenden Bäume und zwei Büsche drum herum “Tiny Forest”. Naja gut.
Wir sind nicht sonderlich an Sportgeräten interessiert, eher an einem Mittagessen. Vorbei am Kleingärtner e.V. und hinein in ein Wohngebiet. Es ist nicht direkt ersichtlich, wo man hier Nahrung finden könnte. Wir fragen eine Anwohnerin mit Hund nach dem nächsten Café. Sie blickt erstaunt und sagt: "Gibt's nicht.” Das wollen wir nicht glauben und wandern weiter immer tiefer hinein ins abenteuerliche Eckenheim, wo wir uns offenbar befinden.
Vor dem inneren Auge sehe ich uns schon entkräftet an Haustüren klopfen oder Wasserhähne im Schrebergarten suchen, als plötzlich in der Ferne eine Hauswand mit der Aufschrift “Homburger Hof. Kegelbahnen und Gartenwirtschaft” auftaucht. Mit vereinten Kräften schleppen wir uns zu besagtem Etablissement und unser Eckenheimspaziergang endet dort endlich nach 15 Minuten. Es handelt sich um eine sagenhafte Lokalität ganz nach meinem Geschmack! Eine über 100 Jahre alte Apfelweinwirtschaft mit selbstgemachten Apfelsaft und Apfelwein, Frankfurter Küche und sehr nettem Service. Dazu gehört eine Bembelkegelbahn, deren Konzept sich schnell erschließt: man kegelt und leert dabei Bembel. Vom 4er-Bembel bis 5-Liter 20er-Bembel ist alles möglich.
Wir bleiben brav bei Spargeln und Kaiserschmarrn, ich äußere alle fünf Minuten meine Begeisterung über diese Midlife Happiness-Entdeckung und schmiede bereits Pläne, wann ich für das Bembelkegeln zurückkehren werde. Schicksal, du hast es gut mit uns gemeint! Eckenheim mit dem Homburger Hof ist einen Ausflug wert.
DO:
- Getränke mitnehmen, man weiß nie, wie lange man durch trockene Wohngebiete irren muss
- spontane Kontaktaufnahme zu Locals
DON’T:
- Würfelbecher vergessen
