Alleine ein Boot mieten

Man kann nicht behaupten, ich hätte eine besondere Affinität zu Sportarten im und am Wasser. Im Schwimmunterricht war sich der Sportlehrer sicher, dass meine Kraultechnik als Belustigung für meine Mitschülerinnen gedacht war und mein einziger Versuch, im Sommerurlaub surfen zu lernen, dauerte 42,5 Minuten wobei davon 21 zum Anziehen des Neoprenanzuges draufgingen.

Wesentlich lieber sind mir wassernahe Aktivitäten ganz ohne Wasserberührung und Wellengang. Bootfahren auf einem Binnengewässer bietet sich zum Beispiel an. Und da ich mich gerade in Südfrankreich in der Nähe des Lac de Sainte-Croix befinde, breche ich heute abenteuerlustig auf und werde zum ersten Mal ganz alleine ein Boot mieten!

Auf der Fahrt zum Bootsverleih erinnere ich mich an vergangene Bootsausflüge mit der Familie. Mein technisch begabter Cousin hat dabei einmal einen kaputten Außenmotor mit einem bloßen Haargummi repariert. Was, wenn ich heute in solch eine Situation gerate? Mir fehlen sowohl Motorengrundverständnis als auch ein Haargummi…

Bevor ich weiter über potentielle Risiken sinnieren kann, stehe ich auch schon in der Schlange am Bootsverleih und muss mich für eine Bootsvariante entscheiden. Es gibt Tretboote, Kanus und Elektroboote. Logisch, ich will die faule Variante und bin damit anscheinend nicht alleine. Sämtliche Elektroboote mit blassen Touristen an Bord legen gerade ab. Jetzt heißt es schnell sein!

Vor mir in der Reihe warten ausgerechnet zwei unsportliche Chinesen. Die wollen doch sicher kein Tretboot. Ich habe Recht mit meiner Einschätzung und sehe mich schon rangeln auf dem Steg. Doch der deutsch-chinesische Showdown kann abgewendet werden. Zwei Elektroboote sind noch verfügbar und so können wir zeitgleich in See stechen.

Zunächst stelle ich erleichtert fest, dass keinerlei technisches Knowhow benötigt wird. Es gibt einen einzigen Hebel und ein Lenkrad. Ein Schild macht deutlich, dass man alles, was Spaß machen könnte, nicht tun darf: Nicht anlegen, nicht unter einen Wasserfall fahren (Wo ist hier ein Wasserfall?!) und insbesondere nicht vom Boot ins Wasser springen.

Ich erinnere mich an den Film “Open Water Teil 2 - Im Wasser hört dich niemand schreien”, in dem Feiernde vom Boot ins Meer springen, niemand daran gedacht hat, die Leiter herunter zu lassen und sie dann sterben. Verständlich, dass sie das verbieten.

Vor mir tut sich malerisch die Schlucht von Verdon auf, in die man vom See aus hineinfahren kann. Ich werde von paddelnden Jugendlichen auf einem Surfbrett links und zwei Kanus rechts überholt. Ein wenig demütigend, aber meine maximale Geschwindigkeit scheint bereits erreicht. 

Zunächst noch krampfig am Lenkrad wechsle ich nach 10 Minuten zur Fahrweise eines Offenbacher Koksdealers. Gelenkt wird mit dem rechten Handteller in kreisenden Bewegungen, der linke Arm hängt lässig über der Lehne, Füße sind hochgelegt, Hemd ist aufgeknöpft.

Die Fahrt könnte ganz herrlich sein, wären da nur nicht die anderen Seefahrer. Hinter einer Biegung kommt mir plötzlich ein Kamikaze-Kanu in unkoordiniertem Zick-Zack entgegen. Das Pärchen an Bord scheint nicht gut aufeinander abgestimmt und die Laune ist im Keller. Es erinnert mich an Kanuausflüge mit der Familie. Hier wird zum Glück weniger geschrien und eine Kollision kann im letzten Moment abgewendet werden.

Doch die nächste Herausforderung naht. Ein langsames Pärchen-Tretboot taucht vor mir auf. Hier scheint die Rollenverteilung klarer. Er muss treten, sie aalt sich mit Selfiestick auf dem Bug. Ich bugsiere geschickt um sie herum, schrabbe dann aber nur haarscharf an einem Kajak vorbei. Die Kajakfahrerin steht quer zur Flussrichtung und schüttelt ihr Haar, während ihr Freund sie dabei fotografieren muss. 

Autoscooter-Lust kommt in mir auf. Was, wenn ich versehentlich den Hebel durchdrücke und auf Instagram-Pärchen zuhalte? Könnte ich mit meinen 5 km/h durch die Schlucht entkommen oder würde ich vors Marine-Gericht gestellt werden?

Noch bevor ich meinen Fantasien freien Lauf lasse, wenden die unsportlichen Chinesen ihr Boot und erinnern mich daran, dass es Zeit ist, zum Bootsverleih zurückzukehren.

Ich mache ein Erinnerungs-Selfie und fahre dabei fast gegen die Felswand. Die Chinesen lachen. 

DO:

  • Boot nur in Segelschuhen und maritimer Kleidung betreten

DON’T:   

  • kentern und dann von einem Tretboot gerettet werden
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