Anime-Filme anschauen

Dragon Ball Z, Sailor Moon, Pokémon… diese Anime-Serien gingen alle komplett an mir vorbei. Wer den Bericht über mein Minecraft-Mikroabenteuer gelesen hat, ahnt bereits, dass auch hier die Schuld bei meinen Eltern zu suchen ist. Bis auf “Unsere kleine Farm”, “Alf” und “Drei Nüsse für Aschenbrödel” sowie die Sissi-Trilogie in der Weihnachtszeit war nicht viel erlaubt. Sogar die Gummibärenbande musste ich heimlich beim Nachbarskind anschauen.

Mikro-Abenteuer eignen sich jedoch hervorragend, Defizite der Kindheit aufzuholen und so beschäftige ich mich diese Woche mit animierten Filmen und Serien aus Japan. Ich bin nicht selbst auf diese Idee gekommen, Credits gehen an meinen Freund Mert, der richtigerweise mangelhafte Anime-Kenntnisse bei mir vermutet hat.

Die Diskussion mit ChatGPT über die Frage, mit welchem Film ich anfangen sollte, artet leicht aus. Offenbar gibt es zu JEDEM Genre Anime, sodass ich erst einmal entscheiden muss, ob ich Science Fiction, Horror, Fantasy, Drama, Liebesgeschichte, Komödie, Krimi, Coming-of-Age oder ein philosophisches Märchen schauen will.

Es läuft wie nach dem Einloggen bei einem Streaming-Anbieter oder Bumble: die schier endlose Masse an Optionen produziert maßlose Überforderung, stundenlanges sinnloses Geklicke und wenn dann endlich eine Wahl getroffen wird, ist die Stimmung bereits denkbar schlecht.

So starte ich für meine Verhältnisse viel zu spät um 23.00 Uhr mit dem Film “Your Name” von Makoto Shinkai. Laut ChatGPT genau das Richtige, “wenn du einen emotionalen, modernen Film möchtest, der Romantik, Mystery, Zeit, Schicksal und visuell tolle Bilder vereint.”

Bereits nach kurzer Zeit komme ich ins Grübeln. Die Anime-Ästhetik erinnert mich dunkel an irgendetwas aus meiner Kindheit… Plötzlich weiß ich es: die Heidi-Trickfilmserie! (gerade so erlaubt durch meine Eltern) War das etwa bereits Anime? Ich überprüfe es und in der Tat: Erstaunlicherweise ist diese Geschichte über ein Waisenkind zu Besuch beim Almöhi in den Schweizer Bergen ein Anime aus den 1970er Jahren. Typisch japanische Story halt…

Zurück zu “Your Name”. Es geht um Mitsuha, einer Schülern auf dem Land, und Taki, der in Tokio lebt. Sie wachen aus ungeklärten Gründen ständig im Körper des anderen auf und hinterlassen sich dann gegenseitig Nachrichten. Irgendwann hört der Körpertausch auf, sie haben sich aber offenbar schon ineinander verknallt. Dann findet Taki heraus, dass Mitsuha schon längst tot sein muss wegen eines Kometeneinschlags, sie also zeitversetzt leben. Daher reist er zurück in der Zeit, um die Katastrophe zu  verhindern. 

Ich vermute, es endet gut und romantisch. Allerdings bin ich in der Mitte eingeschlafen. Das Ganze war zu komplex für mich.

Am Abend darauf wage ich einen weiteren Versuch. Dieses Mal fällt meine Wahl auf “Chihiros Reise ins Zauberland” von Hayao Miyazakis, der 2003 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Offenbar für Kinder geeignet und somit hoffentlich auch für mich machbar.

Dieses Werk gefällt mir besser, allerdings ist auch hier eine gewisse Konzentrationsfähigkeit erforderlich. Chihiro verirrt sich in eine mysteriöse Fantasywelt voller Geister und Zauberwesen. Ihre Eltern werden in Schweine verwandelt und Chihiro muss in einem Badehaus für Geister unter der Ägide einer gruseligen Hexe mit fettem Baby arbeiten. Es gibt noch den Jungen Haku, der ihr helfen will, aber häufig als weißer Drache durch die Gegend fliegt.

Als geschulte Politikwissenschaftlerin erkenne ich natürlich sofort die deepe Kapitalismuskritik im Film: gieriger Konsum führt zur Verwandlung in Schweine, Goldstücke von einem Creep namens Noface sind in Wahrheit nur Matsche und Lockmittel, um die Gold-Fans schnell zu verschlingen. Merke: Nimm nichts von Fremden an oder wenn es was für umsonst gibt!

Mein Fazit: Anime kann man machen, wenn man geistig noch auf der Höhe ist. Wer abends eine konzentrationsarme Berieselung sucht, sollte besser beim guten alten deutschen Dschungelcamp und “Sturm der Liebe” bleiben.

DO:

  • Anime-Filmabend besser bereits um 17.00 Uhr beginnen

DON’T:   

  • für authentischen Filmgenuss alles im O-Ton anschauen
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