Anonyme Glückspost verschicken
Ich mag Überraschungen und ich mag Geschenke. Anti-kapitalistische Vorschläge, sich an Weihnachten einfach mal nichts zu schenken, empfinde ich als Angriff auf mein inneres Vergnügungszentrum und lehne diese kategorisch ab.
Beinahe noch mehr Spaß als am Geschenke empfangen, habe ich dabei, mir Überraschungen für andere auszudenken. Nicht immer sind die von mir imaginierten Freudenschreie meiner Beschenkten deckungsgleich mit der Realität. Aber allein die Vorstellung, mein Präsent könnte für Begeisterung sorgen, macht mich glücklich.
Heute will ich allerdings keine Familienangehörigen oder Freundinnen und Freunde überraschen, sondern eine vollkommen unbekannte Person. Wie wäre es, wenn man ganz unerwartet einen Glücksbrief erhält?
Ich mag den Gedanken und recherchiere im Internet nach Personen, die nach meinem Empfinden einen sehr sinnvollen Job in herausforderndem Umfeld machen und dafür nicht mit Anerkennung überschüttet werden. Für mich ganz oben auf der Liste stehen Leute im Frankfurter Bahnhofsviertel, die sich dort um Drogenabhängige kümmern.
Es ist gar nicht so einfach, konkrete Namen herauszufinden, weil bei den Institutionen dort häufig keine Teams aufgelistet werden, aber irgendwann werde ich fündig. Kein Foto, aber immerhin ein Name. Dieser Mensch ist mein auserkorener Glückspilz!
Während ich eine wertschätzende Karte schreibe, fühle ich mich hervorragend. Wie nett ich doch bin! Ich fordere die Person auf, sich etwas Gutes zu tun und lege 50 € bei. Klar, man könnte das Geld auch weglassen, aber mal ganz ehrlich: unerwartet 50 € zu erhalten sorgt schon für mehr Freude als ein feuchter Händedruck oder Applaus vom Balkon.
Ich weiß schon, diese Aktion wirkt vielleicht ein wenig gönnerhaft und zu Recht könnte man fragen, was denn hier genau der abenteuerliche Aspekt daran sein soll. Aber ist mir egal. Mach es einfach auch! Zeitaufwand ist gering und wer weiß, vielleicht rettest du jemandem den Tag.
Nach dem Einwurf der Überraschungspost in den Briefkasten beginnt der beste Teil dieses Mikro-Abenteuers. Ich stelle mir den Moment des Erhalts als Filmsequenz vor:
Tief gerührt springt P. von ihrem Stuhl auf, Tränen der Freude rinnen über ihr Gesicht, sie schreit euphorisch “Oh, welch Augenblick der Freude!!!”, nacheinander umarmt sie sämtliche Kolleginnen und Kollegen, Konfetti regnet vom Himmel, sie drückt die 50 € an ihr Herz, ein gute-Laune-Popsong setzt ein. Schnitt.
Man sieht P. mit einem Cocktail an einem weißen Sandstrand, Palmen rings herum, sanft plätschernde Wellen. P. mit großer Sonnenbrille beugt sich zur Freundin neben ihr und sagt “Unglaublich, wie weit man mit 50 € am Last minute Schalter kommen kann! Das ist der beste Tag meines Lebens!!”
Hach, schön. So wird es kommen.
DO:
- Glücksbriefe verschicken
DON’T:
- falsch frankieren
