7. Juni 2026

Beauty-Tutorials umsetzen

Meine tägliche Make-Up-Routine besteht aus einem Lidstrich und Mascara auf den Wimpern. Gelegentlich tupfe ich mit einem Abdeckstift auf eine rötliche Stelle. Ich bin mir unsicher, ob das als Make-Up-Routine zählt, zumal Make-Up darin nicht vorkommt.

Größeres Interesse an Kosmetik hatte ich kurz als 14-Jährige. Insbesondere knalliges Hellblau oder Pink fand ich als Lidschatten gut gewählt. Da es noch keine Beauty-Influencerinnen gab, die mich hätten influencen können, verfing eine Leidenschaft für Schminkprodukte allerdings nie wirklich und so kommt es, dass ich nun in der Lebensmitte absolut gar keine Ahnung von absoluten Basics habe. 

Inzwischen lassen sich ja aber sämtliche Beauty-Weisheiten über YouTube-Channel konsumieren und so stürze ich mich in mein wöchentliches Mikro-Abenteuer und beschließe, einen neuen Look zu testen! Zunächst fällt es mir nicht leicht, mich für eine der tausenden Beauty-Expertinnen zu entscheiden. Ein Problem: Viele verwenden in einem einzigen Video bis zu 20 teure Markenprodukte, die ich natürlich nicht bereit bin zu kaufen, nur um einem Tutorial folgen zu können. Zum Glück gibt es Personen, die sich in ihren Anleitungen für Make-Up-Anfängerinnen wie mich extra auf wenige, billige Drogerieprodukte beschränken.

Was mir beim Stöbern im endlosen Meer der Make-Up-Tutorials besonders gefällt: Offenbar verwenden die Beauty-Anleiterinnen auch sehr viel Zeit und Energie, um ein besonders schreckliches Vorher-Foto zu machen. Ich bin mir sicher, einige schminken sich diverse Pickel und weinen zwei Stunden für stark gerötete, winzige Augen. Das (KI-bearbeitete?) Nachher-Foto hebt sich dann besonders vorteilhaft davon ab. 

Ich entscheide mich schließlich für eine wenig nach Make-Up-Influencerin aussehende Judy R., die zwar im Vergleich zu anderen lächerlich wenige Followerinnen hat, aber wenigstens so spricht, dass ich verstehe, was in etwa ich tun soll. Schwierige Einstiegsbedingungen schafft nämlich die Tatsache, dass es ein Beauty-Vokabular gibt, das ich nicht beherrsche. Ich muss zugeben, was genau ein Concealer, ein Primer, ein Bronzer oder eine Foundation, kann ich ansatzweise aus der Wortbedeutung ableiten, es ist mir aber rätselhaft, wo genau man was hinschmiert.

Mein Besuch in der Drogerie für den Erwerb der Schminkbasics dauert wesentlich länger als gedacht. Mir ist vorher nie aufgefallen, wie wahnsinnig unübersichtlich die Anordnung der etlichen Stifte, Tuben, Bürstchen etc. ist und wie lange ich teilweise brauche, um festzustellen, für was genau im Gesicht das Produkt gedacht ist. Mir ist, als würden mir die DM-Angestellten schon mitleidige Blicke zuwerfen. Vielleicht beobachten sie mich aber auch nur, weil sie glauben, ich klaue alle Tester und mache dafür einen auf bewusst unfähig und verwirrt.

Nach einem als Gefängnis-Portrait inszenierten Vorher-Foto, lasse ich mir von Judy R. zunächst erklären, wie ich mir Smokey Eyes schminke. Die Begriffe “einfach” und “für Anfänger” im Videotitel überzeugen mich. Ich lerne, dass man ständig etwas “verblenden” muss mit einem Pinsel. Bis vor Kurzem hatte ich nicht mal einen. Ich trage entsprechend der Anleitung mehrere Schichten Lidschatten auf, verblende fleissig und nutze braunen Kayal, der auf meinem Lid nicht abzufärben scheint. Smokey ist nicht das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich in den Spiegel schaue, aber ich möchte später noch mit künstlichen Wimpern ergänzen und das wird ja ganz bestimmt noch einiges herausreissen. 

Ich gehe über zum Video “Perfekte Lippen schminken”. Judy R. rät zu Lipliner oder Liquid Lipstick. Ich teste beides und scheitere kläglich. Vielleicht hätte ich meine Brille aufsetzen sollen, denn der Übergang zwischen blasser Lippe und blasser Haut lässt sich teilweise schwer erkennen. Fazit: Ich sehe aus wie der Joker. Auch falsche Wimpern können mein Werk vermutlich nicht retten, daher lasse ich sie lieber in der Packung und nutze Mascara… das einzige Produkt, mit dem ich ansatzweise vertraut bin. Das Video “Häufige Mascara Fehler” ignoriere ich. Ich will es gar nicht wissen!

DO:

  • sich einreden, dass es alleine um die inneren Werte geht

DON’T:   

  • Liquid Lipstick
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