
Ein langweiliges Museum besuchen
Ich bin durch und durch Enthusiastin und kann mich für viele Themen begeistern. Wenn es um Museen oder Arte-Dokus geht, stoße ich jedoch gelegentlich an meine Grenzen. Da ich vermeintlich Uninteressantes grundsätzlich vermeide, könnte es jedoch sein, dass mir diverse spannende Inhalte entgehen.
So bin ich nun also gewillt, meine Komfortzone zu verlassen und mir ein Museum vorzunehmen, das weit außerhalb meiner Interessengebiete zu verorten ist. Ich muss nicht lange suchen, um potentielle Kandidaten ausfindig zu machen. Vielleicht das Deutsche Drahtmuseum, das Pinsel- und Bürstenmuseum Bechhofen oder eher mit Bezug zu Natur und Gastro das Deutsche Kartoffelmuseum in Fußgönheim?
Als Kinderlose kommt das Deutsche Kinderwagenmuseum leider eher nicht in Frage, vielleicht werde ich da seltsam angeschaut wie alte Männer ohne Enkel auf Kinderspielplätzen. Auch das Isolatorenmuseum fällt raus, weil mir das Grundwissen dazu fehlt, um was es überhaupt geht. Sind das nicht irgendwelche bedrohlichen Wesen bei Harry Potter?!
Letzten Endes siegt die Bequemlichkeit und ich entscheide mich für einen musealen Ort in meiner Heimatstadt Frankfurt ohne längere Anfahrt. Thematisch am langweiligsten klingt für mich das Ikonenmuseum in Sachsenhausen.
Um herauszufinden, ob es tatsächlich echte Ikonen-Interessierte gibt, wähle ich die Stoßzeit für Museumsgänge: einen Samstagnachmittag.
Gleich zu Beginn erwartet mich eine positive Überraschung. Auf einem Hinweisschild vor dem Museum steht groß und deutlich: “Heute freier Eintritt!”. Es scheint mein Glückstag zu sein.
Die Ausstellung startet mit einer Einordnung, was Ikonen überhaupt sind. Für alle Unwissenden: Es handelt sich um Heiligenbilder aus der orthodoxen Kirche, die von Gläubigen verehrt werden. Die Abbildungen zeigen meistens Jesus oder Maria, verschiedene Heilige, aber manchmal auch abstrakte theologische Begriffe. Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob ich die Abbildung der Dreifaltigkeit direkt erkenne!
Während in anderen Museen überbordende Info-Tafeln überfordern, hält man sich im Ikonenmuseum eher kurz. Nach den Basisinfos am Eingang kann man sich eine überschaubare Sammlung dieser Heiligenbilder anschauen und darunter steht jeweils nur der Herkunftsort, das Material und wer darauf abgebildet ist. Das war’s.
Wer darauf gehofft hatte, in diesem Artikel unterhaltsame Fun Facts über Ikonen zu erfahren, wird nun leider bitter enttäuscht. Die Museumswärterin döst im Halbschlaf und lädt nicht dazu ein, sie nach weiterführenden Infos zu befragen.
Die meisten Darstellungen langweilen mich, wie erwartet. Einzig ein Abbild des Christophorus, der Heilige für Reisende und Autofahrer, weckt mein Interesse. Sein Kopf gleicht dem eines Pferdes mit Heiligenschein. Eine Erklärung dazu fehlt selbstverständlich. Hat er Wunder an Wildpferden vollbracht? Oder soll hier ein Bezug zu “Pferdestärke” hergestellt werden? Oder war schlichtweg ein stümperhafter Ikonenkünstler am Werk? Es bleibt rätselhaft.
Abgesehen von den Exponaten interessieren mich vor allem die anderen Museumsbesucher. Da ist ein Pärchen, von dem er offenbar tiefgreifende Ikonen-Kenntnisse hat und sie seiner Partnerin ausufernd erklärt. Vor einem Fenster mit liturgischen Gegenständen wird sie regelrecht enthusiastisch. Entweder echte Leidenschaft für das Thema oder es ist das erste Date und sie simuliert ihm gegenüber gemeinsame Interessen.
Zu meinem Erstaunen sind auch zwei Jugendliche anwesend, die ich in so einem Kontext nicht vermutet hätte. Ich spreche sie an und frage, wie sie auf dieses Museum gekommen sind. “Naja, wir sind orthodoxe Christen und haben beim Vorbeilaufen den Hinweis auf den kostenlosen Eintritt heute gesehen,” sagen sie.
Eigentlich eine geniale Strategie für Museen für Partikularinteressen: einmalige Schnäppchen ankündigen und damit vorbeieilendes Fußvolk hineinlocken! In Wahrheit ist es bestimmt IMMER kostenlos…
Nach 17 Minuten verlasse ich das Museum mit dem Gefühl, vorerst genug Heilige angeschaut zu haben. Vor dem Haus steht ein Paar, das das “Heute kostenlos”-Schild bemerkt und schnurstracks in den Eingangsbereich abbiegt. Wenn es um Schnäppchen geht, sind die Deutschen auch bei Ikonen vorne mit dabei!
DO:
Nischenthemen eine Chance geben
DON’T:
unangenehm durch Ikonen-Selfies auffallen
