Ein Musical besuchen

Jaja, ich weiß, einige werden sagen, ein Musical besuchen ist ja wohl kein Mikro-Abenteuer. OH DOCH! Für mich handelt es sich definitiv um einen Stretch meiner Komfortzone, da ich seit der Berührung mit diesem Genre in meiner Jugend eine heftige Abneigung entwickelt habe, die es zu überwinden gilt.

Wenn andere zu Geburtstagen teure Tickets für “Der König der Löwen” in Hamburg geschenkt bekommen, bete ich jedesmal, dass sich dies bitte niemals jemand für mich ausdenkt und ich dann verkrampft dankbar lächelnd hinfahren muss. Ich kann gar nicht genau sagen, was genau ich so schrecklich daran finde. Ehrlicherweise kenne ich ja auch fast nichts, sondern begegne Musical-Produktionen – möglicherweise auch zu Unrecht – mit jeder Menge Vorurteilen. Schlagermusik, dargeboten von Schauspielern aus ZDF-Vorabendserien… so in etwa lässt sich mein aktuelles Musical-Bild beschreiben.

Bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel wird “Jesus Christ Superstar” dargeboten und der Gitarrist der Live-Band ist ein guter Freund von mir. Beste Voraussetzungen, dem Genre noch eine Chance zu geben!

Ich möchte mir Mühe geben und besuche sogar die Einführung zum Stück eine Stunde vor Beginn. Außer mir erscheint dort noch ein älteres Ehepaar und wir lernen, dass sich das Stück in der Tat um Jesus und seine Jünger dreht und im Erscheinungsjahr 1970 zu allerlei "Blasphemie"-Schreien geführt hat. Erwartet mich etwa skandalträchtige Kirchenkritik? Ich bin gespannt!

Mein in letzter Sekunde ergatterte Gangplatz in Reihe 4 zahlt sich bereits beim Start der Veranstaltung aus. Jesus, der gefeierte Superstar, läuft durch das Publikum ein und signiert für zwei auserwählte Zuschauerinnen auf dem Weg zur Bühne eine Jesus-Autogrammkarte. Ich bin eine von ihnen. Die hardcore-Musicalfans um mich herum werden blass vor Neid. 

Das Stück beginnt und ich lerne schnell, dass tatsächlich ALLES gesungen wird. Ich hatte diverse Dialoge vermutet, aber nein: es reiht sich Song an Song, begleitet von Choreografien. Sagen wir mal so: langweilig wird mir nicht, leichte Irritationen bleiben.

Nach 50 Minuten ist Pause und ich belausche die Gespräche des Bad Vilbeler Publikums beim Weißwein. “Ich versteh’ gar nicht, um was es überhaupt geht… Was ist denn die Geschichte?!”, “Die eine Dickliche da, die kommt ganz schön ins Schnaufen”, “Die Musik ist mir viel zu laut...aber die Maria Magdalena, ach Gisela, ich sachs dir, da geht mir das Herz auf!”

In der zweiten Hälfte wird mir klar, weshalb mein Ticket so weit vorne deutlich günstiger war als die hinteren Sitzplätze. Nur Reihe 1-6 ist nicht überdacht. Und so sitze ich für den Rest des Abends in einem atmungs-inaktiven Regenponcho eingehüllt und der Regen prasselt auf meinen Scheitel, während  – wie leider zu erwarten war – sich Jesus singend dem letzten Abendmahl nähert, bei dem ihm der gemeine Schlagerstar-Judas verraten wird.

Bei der finalen Szene von Verhaftung und Kreuzigung singt Jesus oberkörperfrei und sein Sixpack lenkt mich ein wenig vom Schlüsselmoment des Christentums ab. Als gebildete Katholikin weiß ich, was nun kommen muss, doch statt der Auferstehung endet das Musical eiskalt. Kein Happy End. Judas hat ein schlechtes Gewissen, Fitnessstudio-Jesus tritt ab und der Schlussapplaus setzt ein. Ja wie?!

Mein Fazit des Abends: Am besten hat mir eindeutig der Part der Gitarre gefallen! So sehr ich großen Respekt vor der Leistung der Darstellerinnen und Darsteller habe, die gleichzeitig singen, tanzen und schauspielern müssen, bleibe ich wohl eine Musical-Banausin, die mit dem Genre wenig anfangen kann. In meiner katholischen Kindheit hätte ich jedoch eindeutig eine Jesus Christ Superstar-Inszenierung einem trockenen Sonntagsgottesdienst vorgezogen, das gebe ich zu.

DO:

  • Überdachungssituation beim Ticketbuchen überprüfen

DON’T:   

  •  selbstbewusst einen großen Schirm aufspannen, der Reihe 5-10 die Sicht auf die Bühne versperrt
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