Eine Nachtwanderung machen

Endlich! Nach zwei vergeblichen Versuchen, eine Gruppen-Nachtwanderung mit Midlife Happiness Fans zu organisieren, ist es heute soweit! Es wird nächtlich gewandert, komme was Wolle.

Mein Mikro-Abenteuer beginnt früher als gedacht. Da ich keinesfalls zu spät aufkreuzen will, erreiche ich den Parkplatz am Goetheturm 30 Minuten zu früh. Es ist bereits stockdunkel. Ich will das Auto lieber nicht verlassen und verharre im Dunkeln. 

Was, wenn jemand neben mir parkt und mich regungslos hinter dem Steuer entdeckt? Anstelle von “Ah da startet jemand eine Nachtwanderung” würde man mich wohl eher mit einer wartenden Drogendealerin oder einem Parkplatzsexdate verwechseln. 

Dann doch lieber aussteigen und auf ins Ungewisse! Eigentlich ist der Goetheturm nah, aber dank meines schlechten Orientierungssinns laufe ich einen unsinnigen Umweg und befinde mich plötzlich mit meiner winzigen Kindertaschenlampe auf einem sehr, sehr dunklen Waldweg. Es knackt im Gebüsch. Ist da nicht eben jemand gehuscht?

Tagsüber sind Waldspaziergänge Maßnahmen zur Stressreduktion: Man entspannt und fühlt sich eins mit der Natur. Warum bloß handelt es sich nachts um ein komplett anderes Erleben? Der Wald ist ja derselbe. Rational weiß ich, dass kein Gewalttäter hinter dem nächsten Baum lauert oder mit einem Wolfsrudel zu rechnen ist, aber mein Gehirn scheint irrationale Ängste zu bevorzugen.

Die Angst vor der Dunkelheit heißt “Achluophobie” und ist mit unserem evolutionären Schutzinstinkt verbunden. Unsere Vorfahren konnten sich nachts schlechter vor Raubtieren schützen. Angst sorgte für geschärfte Sinne und hielt sie davon ab, sich Gefahren auszusetzen. 

Mich hält offenbar nichts davon ab, mit aufgeregt schlagendem Herzen weiter Richtung Turm zu laufen, umgeben von potentiellen Raubtieren im Gebüsch…

Endlich bin ich da und muss mich nur noch 10 Minuten alleine weiter gruseln, bevor die anderen am Treffpunkt eintreffen. Mein Out-of-Komfortzone-Erlebnis endet endlich und die offizielle Nachtwanderung kann beginnen! 

Bevor wir uns in den finsteren Tann begeben, absolvieren wir den Irrgarten am Turm. Als Irrgarten-Kennerin beobachte ich die Irrenden von einem Klettergerüst aus und bin beeindruckt davon, wie alle den Weg durchs Labyrinth finden, ohne gegen Wände zu laufen. Der Versteckversuch eines kühnen Nachtwanderers scheitert aufgrund seiner stark fluoreszierenden Jacke. Ohne Military Tarnfleck keine Chance.

Jetzt geht es in den Wald. Kurz überlegen wir, einer Münze unseren Laufweg zu überlassen. Lieber nicht. Unsere eigene Orientierungslosigkeit ist Gamification genug.

Während der nächtlichen Reise dürfen alle Beteiligten bei Bedarf eine Aktionskarte ziehen. Die erste Aufgabe verlangt, dass alle an unserem aktuellen Standort nach einem interessanten Ding suchen. Das außergewöhnlichste Fundstück gewinnt. 

Während zwei von uns in spitzfindige Schneckenforschung abdriften, finden andere einen gefleckten Stein, ein Stück Holz und eine ausgetrunkene Jägermeisterflasche. Alles außergewöhnlich auf seine eigene Art und Weise. Wir halten uns an moderne Pädagogik: Alle gewinnen gemeinsam!

Wir passieren einen beleuchteten Camper. Die Insassen hatten wohl auf die nächtliche Ruhe des Waldes gehofft, stattdessen starren sechs Augenpaare neugierig ins Innere und vermuten logischerweise Drogendeals oder Parkplatzsex.

Aktionskarte Nr. 2 verlangt, dass alle ihre Lampen ausmachen und im Stockdunkeln weiterlaufen. Gerade als sich unsere Augen ans nächtliche Schwarz gewöhnt haben, taucht ein mit Flutlicht beleuchteter Sportplatz mitten im Wald auf. Was soll das denn?! Kein Fußballspiel in Sicht, aber dafür hunderte hellwache Waldtiere, die sich fragen, wann denn ENDLICH die Sonne untergeht.

Wenig später lauschen wir im Auftrag von Karte Nr. 3 schweigend auf die Geräusche des Waldes. Ich hatte mir Uhu-Rufe und romantisches Blätterrascheln vorgestellt, stattdessen bekomme ich akute UFO-Vibes. Eine laute Maschine senkt sich vom Himmel herab und scheint dicht neben uns zu landen. Die zweite folgt sogleich. Es ist verdammt laut und wenig romantisch.

Meine Erkenntnisse der Nacht: 1. Als Wanderroute möglichst nicht die Einflugschneise des Frankfurter Flughafens wählen. 2. Gemeinsame Mikro-Abenteuer schaffen Verbindung und Begegnung mit netten Menschen! Das nächste Event folgt in Kürze…

DO:

  • nachts alleine im Wald gehen und das Erlebnis als Konfrontationstherapie mit den eigenen Urängsten nutzen

DON’T:   

  • im Stil von “Blair Witch Project” andere nächtliche Wandertrupps hektisch rennend verfolgen und in den Wahnsinn treiben
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