1. Juni 2026
Farbspaziergang machen
Der Alptraum meiner Kindheit: sonntägliche Spaziergänge oder gar kleine Wanderungen mit der Familie. Warum nur sollte man ohne klares Ziel durch die Gegend laufen, im schlimmsten Fall währenddessen über botanische Grundbegriffe aufgeklärt werden und das auch noch als Bereicherung empfinden? In der Lebensmitte ist das Verständnis dafür deutlich gestiegen, die Gefahr der Langeweile jedoch nicht vollständig gebannt.
Es gibt verschiedene Optionen, den Prozess des Herumlaufens spannender zu gestalten. Eine davon ist die Idee des Farbspaziergangs. Das Konzept ist simpel: Man wählt eine Farbe und folgt dieser stumpf. So bestimmt dann die Farbe die Route. Meinen Freund Steffen kann ich von diesem Ansatz überzeugen und so entscheiden wir uns an einem Freitagabend spontan für Gelb und ziehen los.
Uns alleine an Briefkästen und Ampelschaltern zu orientieren, ist zu langweilig. Zum Glück sichten wir auch diverse gelbe Häuser, gelbe Rosen und gelbe Graffitis, die uns schnell in unbekannte Gefilde ins Frankfurter Ostend führen. Der gelbe Hinweis an einem Kiosk auf den Lotto-Jackpot ist ein Wink des Schicksals: Wir spielen spontan um 50 Millionen und unterhalten uns für den Rest des Abends darüber, was wir mit unserem Lottogewinn tun werden. Einig sind wir uns darin, dass man einen plötzlichen riesigen Geldsegen besser nicht herumerzählen sollte. Für den Fall, dass meine Mikro-Abenteuer in Kürze auf den Seychellen stattfinden oder Yachtausflüge enthalten: dies basiert alleine auf meinen Einnahmen als zaubernde Moderatorin.
Zu unserem Glück biegt vor uns ein Mann mit einem gelben T-Shirt um die Ecke. Ganz klar: Wir müssen ihm folgen! Unauffällig pfeifend verfolgen wir ihn durch einige Straßen. Wenn er stehen bleibt, schauen wir scheinbar interessiert Pflanzen- und Steinarrangements in Vorgärten an. Irgendwann betritt er leider eine Kneipe. Ob aus akutem Bierdurst oder Verfolgungsangst, werden wir nie erfahren.
Unserem gelben Anführer beraubt machen wir eine Pause an einem gelben Schaukelgerüst auf einem sehr unansprechenden, lieblosen Kinderspielplatz. Wie einfallslos die Stadt Frankfurt Freizeitbereiche in Wohnsiedlungen gestaltet, wäre uns ohne Farbspaziergang nie aufgefallen. Mikro-Abenteuer bedeuten immer auch Horizonterweiterung. Nach weiteren drei gelben Stationen landen wir in einem kleinen Biergarten namens “Zur Kutscherklause”. Ich hoffe auf eine bahnbrechende Entdeckung wie im Fall des U-Bahn-Würfel-Abenteuers, aber leider sollte man sich hier eindeutig auf Getränke beschränken und Speisen außen vor lassen.
Nach der kulinarischen Enttäuschung mit weiteren Diskussionen über den Einsatz des baldigen Millionengewinns wollen wir unseren Farbspaziergang fortsetzen, machen jedoch eine erschreckende Entdeckung. Dieses Konzept funktioniert leider nicht im Dunkeln! Macht nichts. Wir machen uns auf den Heimweg und überlegen dabei, welche Farbe uns das nächste Mal leiten könnte.
DO:
- Spaziergangsbegleitungen ohne Farbenblindheit wählen
DON’T:
- Grau wählen beim Farbspaziergang in der Großstadt
- Grün wählen beim Farbspaziergang im Wald
- Blau wählen bei der nächsten Bundestagswahl
