In einer Hängematte übernachten

Mit Bettzeug unter dem Arm und einer kleinen Laterne in der Hand stapfe ich mutig durch den dunklen, großen Garten unseres Ferienhauses in Frankreich, denn heute verzichte ich auf die langweilige Art, im Bett zu nächtigen. Heute wähle ich stattdessen die aufregende Variante unter den Sternen! Als Liebhaberin von Komfort sind mir Backpacking-Reisen vollkommen fremd und so bin ich bisher niemals mit Hängematten-Unterkünften in Berührung gekommen. Dies wird meine erste Nacht zwischen zwei Bäumen baumelnd sein und ich bin in der Tat ein wenig nervös.

Bereits der Weg hin zum Schlafort gruselt mich mehr als gedacht. Angst vor der Dunkelheit scheint man auch als mittelalte Frau noch empfinden zu können und auch wenn ich keinerlei Vorliebe für Horror-Filme habe, entwickeln sich unangenehme Szenarien in meinem Kopf, welche Grausamkeiten mich heute Nacht alleine im Garten ereilen könnten. Neben potentiellen Gartenmorden beschäftigt mich auch die ansässige Welt der Insekten. Sicherheitshalber habe ich mich von Kopf bis Fuß mit Anti-Mückenspray eingesprüht. Von meinem eigenen intensiven Geruch wird mir ein wenig schlecht, was den Krabbeltieren um mich herum hoffentlich auch so geht.

Die Hängematte zwischen zwei großen alten Bäumen erwartet mich bereits. Ungelenk hieve ich meinen müden Körper in den Sack und schwinge minutenlang hin und her. Es ist absolut unmöglich ohne externe Hilfe, das Geschaukel zu stoppen. Hier hilft nur Geduld und reglos verharren, bis sich mein Nachtlager langsam in der Mitte einpendelt. Wiegenden Bewegungen ausgesetzt zu sein, fand man als Säugling noch toll, inzwischen bewirkt es Anflüge von Seekrankheit an Land. Vielleicht ist dies aber auch Ergebnis von zu viel Weißwein als Schlummertrunk.

Schließlich ist die bananenförmige Schlafposition erreicht. Als überzeugte Seitenschläferin teste ich alternative Liegeoptionen, aber die Hängematte ist unerbittlich. In dieser Nacht komme ich ums mittige Durchhängen nicht herum. Was Hängemattenkonstrukteure vermutlich nie bedacht haben, ist das Entweichen des Blutes aus Füßen und Kopf hin zur Körpermitte. Meine Verdauung klappt damit 1a, mein Zehen kribbeln schon bald blutleer.

Das ist jedoch das kleinere Übel verglichen mit dem Lärm, dem ich hier in der angeblich so ruhigen Natur ausgesetzt bin. Schuld ist der Nachbarshund, der ohne Unterbrechung laut bellt und jault. Der Bell-Farbe nach scheint es sich um einen unangenehm großen Hund zu handeln, dem ich am Zaun lieber nicht höflich mitteilen möchte, die Schnauze zu halten. Sein Getöse wird rhythmisch ergänzt durch den Bass einer Party, die meine Matte und meine Aggressionen zum Schwingen bringt. Wer hätte gedacht, was man so alles nachts im Garten verpassen kann!

Doch gegen 4 Uhr früh scheint sich der Hund heiser und ermattet seinem Schicksal zu ergeben und auch die Feiernden ziehen heim in ihre Betten. ENDLICH kann ich den Sternenhimmel und den Blick in die Blätter genießen, bevor gleich schon die Sonne aufgehen wird und der Tag beginnt. Mein lang ersehntes kleines Schläfchen wird jedoch jäh unterbrochen von einem neuen, noch nicht dagewesenen Sound: Es macht PPPPFFFTTT in sämtlichen Ecken des Gartens und mir schwant Übles. Wird mich etwa sogleich eine Wasserfontäne in meinem Sack erwischen, die für den satten grünen Rasen gedacht war?! Nein. Ich bleibe verschont und schlafe für ganze 90 Minuten wie ein Baby in meinem Kokon zwischen den Bäumen.

Leicht gerädert kehre ich zurück von meiner abenteuerlichen Nacht und ernte Erstaunen und Bewunderung von meinen Familienmitgliedern, die sich sicher waren, ich würde keine zwei Stunden da draußen aushalten. So viel Zähigkeit hätte mir Hotel-Tussi niemand zugetraut. Meine Brüder sind jedoch der Meinung, die Hängematte sei noch nicht das ultimative Mikro-Abenteuer gewesen, stattdessen solle ich mich nun an die fortgeschrittene Variante der “Baumla” heranwagen, bei der man in einem Sack direkt an den Stamm gebunden wird. Ich sehe Potential für Panikattacken, aber laut Anbietern auch eine einzigartige Option, eins zu werden mit der Natur. Mal sehen. Heute freue ich mich erst einmal auf mein extrem langweiliges Bett.

DO:

  • Ohrstöpsel gegen “Naturgeräusche” mitnehmen

DON’T:   

  • zu lange im Sack liegen und dann notgedrungen ins Beet pinkeln
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