7. Juni 2026

Literarischer Ausflug

Ich halte mich für eine Person mit erlesenem Literaturgeschmack. Wer bereits in meiner Wohnung war, weiß, dass dort hunderte Bücher zu finden sind. Insbesondere mein deckenhohes Bücherregal im Wohnzimmer sticht sofort ins Auge. Man soll schnell merken: Hier wohnt eine Vertreterin des Bildungsbürgertums: belesen, reflektiert, kunstaffin. Eine Intellektuelle.

In Wahrheit habe ich viele davon nicht gelesen oder aufgrund von mangelndem Verständnis und Durchhaltevermögen nach wenigen Seiten resigniert weggelegt. Mein Freund Veith hatte im letzten Jahr die hervorragende Idee, gemeinsam “Unendlicher Spaß” von David Foster Wallace zu lesen. Er wartet noch immer darauf, dass ich die ersten 100 Seiten für die Auftaktsitzung unseres Buchclubs durchgearbeitet habe… Aber Bücher lassen sich ja auch fabelhaft farblich entsprechend ihrer Einbände sortieren, was eine gewisse Frische in weiß gehaltene Räume bringt und allein die Möglichkeit, mit einem noch ungelesenen Buch JEDERZEIT beginnen zu können, macht mich glücklich.

Mein elitäres Selbstbild erlaubt es nicht, mich in Buchläden in Abteilungen für weniger anspruchsvolle Werke aufzuhalten. Was nicht potentiell im ZEIT-Feuilleton besprochen werden könnte, bekommt keine Chance. Mangas, Science Fiction, Fantasy oder Tische mit sogenannter Urlaubslektüre werden von mir eiskalt ignoriert. Zeit für ein gewagtes mikroabenteuerliches Literaturexperiment!

Seit Längerem registriere ich den Boom von “New Adult” Literatur. In Buchhandlungen nimmt die Anzahl der Regale zu und auf der Buchmesse zieht dieses Genre eine gigantische Schar junger Frauen Anfang 20 an. Was hat es mit diesen Werken auf sich, dessen Buchcover mich bislang abgeschreckt haben?

Für die Auswahl meines Experiment-Buches betrete ich den Hugendubel, deute auf einen Haufen von Büchern mit offensichtlichem New Adult-Cover und frage einen Mitarbeiter, was denn hier aktuell DER Renner sei, denn ich wolle diese Literaturform, die mir ja sonst gänzlich fremd ist, einmal testen. Transparenz über mein Experiment ist mir wichtig. Niemand hier soll denken, dass ich UNIRONISCH diese Regale durchstöbere. Er zeigt mir eine Auswahl und fragt dann, ob er mich ganz sicher nicht von meinem Plan abbringen könne. Auch Hugendubel-Mitarbeiter scheinen mit dem neuen Trend zu fremdeln. 

Beraten lasse ich mich daher lieber von der Zielgruppe selbst, zwei Frauen Anfang 20, deren Gespräch neben mir echte Begeisterung und Expertentum vermuten lässt. Sie erklären mir extrem kompetent die Inhalte und Vorzüge der verschiedenen Buchreihen und Unter-Kategorien. New Adult Romance, Romantasy oder doch lieber Dark Romance? Ich bin überfordert. Als meine Beraterin auf einen Haufen zeigt, mir dabei verschwörerisch zuzwinkert und sagt: “Diese da sind etwas spicy” ist die Entscheidung gefallen. Ich nehme “Twisted Hate” von Ana Huang, schäme mich kurz an der Kasse und fange zu Hause an mit der Lektüre.

Das Werk hat 589 Seiten. Laut Umschlag handelt es sich um “eine sexy und gefühlsintensive Enemies-to-Lovers, Bruder-der-besten-Freundin-Liebesgeschichte”, in der die Hauptpersonen Jules Ambrose und Josh Chen zu “Feinden mit gewissen Vorzügen” werden. Sie ist eine Jurastudentin, die auch Model hätte werden können, er ein heißer Arzt mit definiertem Körper und teurer Uhr. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hassen sie sich und beleidigen sich ununterbrochen, bis sie sich irgendwann der wahnsinnigen Anziehung hingeben, eine Affäre beginnen und als harmonisches Liebespaar enden. Diese eher unterkomplexe Geschichte wird angereichert mit großem Drama, sodass am Anfang des Buches tatsächlich eine Triggerwarnung vermerkt ist, die  Beschreibungen vor Gewalt, Missbrauch, Erpressung, Tod und Stalking ankündigt. Puh, okay.

Zum Zeitpunkt dieses Textes bin ich bis Seite 188 gekommen. Weiter als bei David Foster Wallace. Einen Verriss über die Enemies-to-Lovers-Story zu schreiben, wäre sehr einfach. Anders als bei Denis Scheck erfolgt hier nun aber kein Wurf in die Tonne, stattdessen gebe ich mir Mühe, auch Positives auszumachen: 1. Man muss sich nicht besonders konzentrieren bei der Lektüre. 2. Die zahlreichen Cliff-Hanger haben zur Folge, dass man trotz uninteressanten Hauptpersonen denkt “nagut das nächste Kapitel noch”. 3. Die angekündigten spicy Inhalte beginnen erst ab Seite 180, sodass man voller Erwartung den ersten Teil hinter sich bringt. 4. Die erotischen Abschnitte sind dann in der Tat sehr explizit. Wer dirty talk nicht per se abstoßend findet, wird hier fündig.

Sollte man schon bei Effi Briests “Schritt vom Wege” das Buch errötend zur Seite gelegt haben, würde ich “Twisted Hate” eher nicht empfehlen. Auch dann, wenn man bei einem Date mit Intellektualität punkten will und sich im Bett Konversation über Kierkegaards “Werke der Liebe” wünscht, ist New Adult Literatur nicht die erste Wahl für den Nachttisch. Für alle anderen: Warum nicht!

DO:

  • sich gelegentlich aufs Fremdlesen einlassen

DON’T:   

  • auf überraschende Wendungen hoffen
Zurück
Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.