Live Action Roleplay (LARP) ausprobieren
Wir stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Folgen wir dem ominösen weißen Boten in die Dunkel-Taverne, um dort in eine viereckige, altertümliche Holzflöte zu pusten, oder lehnen wir ab und gehen das Risiko ein, das Rätsel der 22 Zeichen nicht lösen zu können? Man munkelt, die ein oder andere Person sei aus dem düsteren Gemäuer nicht mehr zurückgekommen…
Herausforderungen dieser Art gilt es zu meistern, wenn man sich auf ein sogenanntes LARP-Event einlässt. LARP klingt wie die lautmalerische Darstellung eines Rülpsers in einem Comic, steht jedoch für “Live Action Roleplay” und meint ein improvisiertes Rollenspiel, bei dem die Teilnehmenden in einem realen Setting eine ausgedachte Figur verkörpern und gemeinsam Geschichten erleben. Es gibt kein Publikum und kein festes Drehbuch. Die Handlung entsteht im Wesentlichen durch das Zusammenspiel der Beteiligten.
Für alle, die sich für Fantasy-Welten begeistern, oder sogar bereits Erfahrung in “Pen and Paper”-Abenteuern (Rollenspiele am Tisch) mitbringen, ist der Schritt zum LARP nicht weit. Für mich war der Schritt ziemlich weit.
Zwar habe ich in meiner Jugend aus Begeisterung für einen der Mitspieler gelegentlich an Rollenspiel-Nachmittagen teilgenommen, mir dort aber eher romantische Annäherung statt Strategieüberlegungen zur Monsterbekämpfung erhofft. Das Genre Fantasy wird von mir weder literarisch noch filmisch beachtet und auch Mittelaltermärkten mit seltsamen Gauklern und Honigwein bin ich bislang eher fern geblieben. Gerade deshalb aber wird heute gelarpt!
Gemeinsam mit Felix (Mikro-Abenteuer-Enthusiast und Creator meiner tollen Homepage) und Lukas (Bruder mit Faible für nerdige Magic the Gathering Spieleabende) melde ich mich für den Einführungsworkshop “Tavernen XP” im alten Fort in Köln an, der unerfahrenen Menschen einen Einstieg in das Hobby LARP verspricht. Direkt im Anschluss findet dann vor Ort das Event “Die Katakomben” statt, wo wir das Live-Rollenspiel ausprobieren können.
Der Workshopleiter ist ein erfahrener LARPer und brennt durch und durch für sein Hobby. Zu Beginn lernen wir, dass Live Action Roleplay sehr Unterschiedliches bedeuten kann: von kleinen Treffen mit weniger als 50 Personen bis hin zu mehrtägigen Cons (so nennt man die Events) mit mehreren tausend Teilnehmenden. Es gibt Fantasy-LARP, Endzeit-LARP, Historisches LARP, Science-Fiction-LARP und vieles mehr. Manchmal steht Storytelling im Vordergrund, manchmal wollen die Beteiligten vor allem große Schlachten kämpfen.
Auf Basis der Beschreibungen erscheinen mir einige Veranstaltungen, insbesondere Warhammer Szenarien, von denen unser Anleiter sympathischerweise wenig hält, hauptsächlich für Männer mit Testosteronüberschuss gedacht zu sein, die sich mit Silikonwaffen prügeln oder in einem Ork-Lager mit Schlammbecken ihr Wochenende verbringen möchten. Angesichts zu geringer Therapieplätze möglicherweise ein sinnvolles Angebot zur Bearbeitung innerer Konflikte.
Unser LARP-Abenteuer ist zum Glück anders konzipiert. Es ist ein offenes Fantasy-Format ohne komplexe Vorgaben. Zwar initiiert die Spielleitung Impulse und Rätsel, wichtiger als eine schnelle Lösung ist jedoch der Spaß und das individuelle Erlebnis jedes Einzelnen. Sogenannte Nichtspielercharaktere (NSCs) sind eingeweiht in die Story und treiben sie mit schauspielerischen Impulsen voran.
Nach der Einweisung in die Regeln, Kampftraining mit Schwertern und der Auswahl unserer Gewandung (nur Uneingeweihte sprechen von Kostüm!), beginnt das eigentliche Event. Aufgrund einer Erstickungspanik bei der Anprobe einer viel zu engen Tunika, lande ich bei einer sehr schlichten Leinenbluse mit züchtigem Häubchen, die schnell erkennen lässt: hier handelt es sich um einen LARP-Neuling.
Als Martha, Fridolin und Jorik ohne nennenswerte Backstory ziehen wir los und treffen Landsknechte, Elfen, Fuchs-Frauen, magische Heiler, Waldläufer, Piraten und etliche nicht näher definierbare Fantasywesen, mal mehr mal weniger zwielichtig. Schnell ergeben sich Gespräche und während einige Gruppen in der Taverne sitzen, trinken und um Kupfermünzen spielen, schließen wir uns den ehrgeizigen Abenteuern an, die bereits geheime Zeichen auf dem Gelände gefunden haben, die es zu entschlüsseln gilt.
Es fällt mir viel leichter als gedacht, mich auf dieses Format einzulassen und die Zeit verfliegt wie im Flug. Gemeinsam mit anderen lösen wir das Rätsel der Feuernacht und sind danach fix und fertig, denn Rollenspiel macht Spaß, ist aber auch extrem anstrengend.
Mein Fazit: LARP ist mehr als Fantasykarneval für Nerds mit geflochtenen Bärten. Es bietet tatsächlich eine interessante, komplett bildschirmfreie Auszeit vom eigenen Alltag und Raum für kreatives Ausprobieren. Wer weiß, vielleicht kehre ich noch einmal mit Elfenohren zurück zu den Katakomben oder buche direkt ein Ticket für das Ork-Lager mit Endzeitschlachten. Einen guten Mikro-Abenteuerbericht ergäbe das allemal.
DO:
- sicherheitshalber Elbisch lernen
- sicherheitshalber Orkisch lernen
DON’T:
- im LARP-Laden ausrasten und sich noch vor dem ersten LARP-Event mit einer goldenen Plattenrüstung ausstatten
