Minecraft spielen
Computer- und Videospiele haben in meiner Kindheit keine bedeutende Rolle gespielt. Daran sind definitiv meine Eltern schuld. Zwar komme ich aus keinem gerätefreien Waldorf-Haushalt, in dem ausschließlich naturbelassene Holzklötzchen und kindgerechte Stricksets zur Bespaßung der Kinderschar angeschafft wurden, aber die Nutzung von Fernsehen und PC war stark reglementiert.
Während andere ihre Freizeit in der Welt von Counterstrike verbrachten und fröhlich ballern durften, wurden uns niedliche PC-Spiele von “Petersson und Findus” oder virtuelle TKKG-Kinderkrimis zu Weihnachten geschenkt. Kurz vor der Volljährigkeit war dann auch das aufregende Fantasy-Game “Might & Magic” erlaubt, mit dem sich meine Brüder mangels Alternativen bis zum Erbrechen beschäftigten.
Immerhin zweimal im Jahr konnten wir unser Defizit beim Besuch unserer Nintendo-Cousins ein wenig ausgleichen. Anders als wir armen Öko-Geschwister, die nachmittags draußen spielen sollten, lebten unsere Verwandten im Videospiel-Paradies. Manisch wurde dann “Snowboardkids” oder “Super Mario” gezockt, doch nach zwei Tagen ohne Frischluft mussten wir wieder in unsere deprimierenden bücherlastigen Kinderzimmer zurückkehren.
Jetzt bin ich ja aber zum Glück erwachsen und kann endlich alles nachholen! Inspiration hole ich mir bei der Jugend von heute. Sie scheint einem Videospiel namens Minecraft verfallen zu sein, das auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiv aussieht. Ich dachte, Software-Entwickler würden insbesondere daran arbeiten, möglichst realistische virtuelle Welten zu schaffen, doch im Fall von Minecraft handelt es sich um einen minimalistischen Klötzchen-Look, der an frühe, miese Computerspielgrafik erinnert und vermutlich sogar bei meinen Eltern durchgegangen wäre. 212 Millionen aktive monatliche Nutzerinnen und Nutzer (was der Gesamtbevölkerung von Brasilien entspricht) spielen dieses Spiel, dann wird es wohl gut sein.
Ich frage ChatGBT, wie ich Minecraft testen kann und bekomme eine simple Anleitung, die auch gleich funktioniert. Nach wenigen Klicks startet die kostenlose Demoversion auf meinem Laptop und das Abenteuer kann beginnen!
Laut ChatGBT passt es wunderbar zu meinem Mikro-Abenteuer-Mindset, mir keinerlei Tutorials und Anleitungen anzuschauen, sondern einfach die virtuelle Welt von Minecraft zu erkunden. Es handelt sich um ein sogenanntes “Sandbox-Spiel”, in dem es kein klares Ziel gibt, sondern man mehr oder weniger selbst entscheidet, was man dort macht.
Ich sehe eine Landschaft bestehend aus Hügeln und pixeligen Klötzchenbäumen und laufe los. Es ist nicht so, als würde irgendwas passieren. ChatGBT sagt, ich soll Bäume fällen mit der linken Maustaste. Das tue ich und sammle so offenbar Holz. Ich kapiere nicht, wofür. Die Ansicht wird dunkler, offenbar wird es Nacht im Minecraft-Land. Plötzlich sind da auch Tiere, unklar, ob Schweine oder Hunde, ziemlich sicher auch Enten. Typisch nachtaktive Wesen halt. Mein Herzchenbarometer am Bildschirmrand fängt heftig an zu blinken und immer mehr Herzen verschwinden. Es scheint etwas zu passieren! Noch bevor ich irgendetwas verstehe, erscheint die traurige Botschaft auf dem Bildschirm: “Du bist gestorben. Player wurde von Zombie erschlagen.”
Äh bitte was?! Ich frage bei ChatGBT nach und werde allen Ernstes von der KI ausgelacht: “Ich muss gerade ein bisschen schmunzeln – nicht über dich, sondern weil genau das fast jedem passiert, der Minecraft zum ersten Mal spielt.” Learning: Nachts erscheinen Monster. Laut ChatGBT kann ich mir ein Loch in den Boden graben und dort warten, bis die Nacht vorbei ist. Das tue ich und sitze nun also minutenlang in einem virtuellen Erdloch bis in der Minecraft-Welt die Sonne wieder aufgeht.
Ich hüpfe aus dem Loch und sehe blaue Fläche, offenbar ein See. Könnte dort irgendetwas Interessantes warten? Ich steuere mitten hinein, freue mich kurz, dass tatsächlich Fische neben mir auftauchen, doch dann die schnelle Ernüchterung: Alle Herzchen verschwinden und erneut bin ich gestorben, diesmal durch Ertrinken.
Mir gelingt noch ein weiterer Tod: Erschossen durch ein Skelett, weil es mir zu dumm war, eine weitere Nacht (ganze sieben Minuten Spielzeit) in einem Erdloch zu sitzen. Auch wenn mir mitgeteilt wird, dass ich einen Pilz gefunden habe, aus dem ich Suppe kochen könnte (vermutlich ist die dann giftig…), beschließe ich, mein Experiment zu beenden.
Dass ich anders als 212 Millionen keine Begeisterung für Minecraft aufbringen konnte, liegt natürlich allein an der bereits skizzierten Erziehung durch meine Eltern. Es gibt keine Videospielbasis, auf die sich aufbauen lässt. “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr”… oder so. Und mit diesem Gedanken schließe ich den Laptop und breche auf zu einem Spaziergang an frischer Luft, um ein wenig Petersson und Findus-Geschichten im Park zu lesen.
DO:
- Snacks einplanen, wenn man mal wieder minutenlang im Erdloch sitzen muss
DON’T:
- erst im Nachgang merken, dass es auch einen creative Modus ohne Zombies gibt
