Tao-Vers zum Tagesmotto machen
Ich mag es, meine Tage oder Wochen oder Monate unter ein Motto zu stellen, an das ich mich dann immer wieder erinnere. Es gab Zeiten, da habe ich mir fett Aufforderungen wie “Bring es hinter dich!” oder “Fokus, Fokus, Fokus!” aufgeschrieben. Eher traurig und wenig motivierend. Woher der Impuls zu meinem Mikro-Abenteuer-Projekt kam, erschließt sich möglicherweise nun deutlicher.
Heute will ich die Auswahl meines Tagesmottos nicht mir selbst überlassen, sondern einem uralten chinesischen Philosophen und dem Zufall. Lao Tse (manchmal auch Laotse, Laozi oder Lao-tzu geschrieben) soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben und hat mit seinem bedeutenden, noch immer viel gelesenen Werk “Tao Te King” den Taoismus begründet. Das Buch enthält 81 Verse und wurde häufig übersetzt.
Wer keine Probleme mit hässlichen Buchcovern hat und auch gerne mal spirituelle Essays liest, dem empfehle ich “Change your thoughts - change your life: Living the wisdom of the Tao” von Wayne Dyer. Dort findet man Übersetzungen der Verse ins Englische mit dazugehörigen Reflexionsessays zur Einordnung. Die Übersetzungen ins Deutsche haben mir bisher nicht besonders gefallen, keine Ahnung warum.
Jenes Buch liegt am frühen Freitagmorgen auf meinen Knien, ich lasse die Seiten durch die Finger rauschen und stoppe zufällig irgendwo, schlage die Stelle auf und stelle fest, dass mein Tagesmotto Vers Nr. 45 sein wird.
The greatest perfection seems imperfect,
and yet its use is inexhaustible.
The greatest Fullness seems empty,
and yet its use is endless.
Great straightness seems twisted.
Great intelligence seems stupid.
Great eloquence seems awkward.
Great truth seems false.
Great discussion seems silent.
Activity conquers cold;
inactivity conquers heat.
Stillness and tranquility set things in order
in the universe.
Gut, es ist nicht so, als würde ich beim ersten Lesen sofort Erleuchtung empfinden. Auch nach mehreren Anläufen und trotz Reflexionsessay bleiben bei mir Fragezeichen zurück. Das stört aber nicht. Ich nähere mich ahnend und auch wenn ich den Tao vielleicht nie vollständig durchsteige, geben mir die Texte etwas und beschäftigen mich schon seit Langem.
Bereits beim morgendlichen Duschen sorgt Vers 45 für gute Laune. Ich schaue an mir herunter und statt der üblichen gnadenlosen Begutachtung des Bauchspecks denke ich an Zeile 1 und fühle mich gleich besser.
Später habe ich einen Online-Termin und aufgrund mangelnder Vorbereitung flüchte ich mich in undurchdachtes Gefasel. Das Denken folgt den Worten, was keine gute Reihenfolge ist. Hier trägt “Great intelligence seems stupid” sofort zu einer positiveren Bewertung der Situation bei. Mein Motto gefällt mir!
Zwar habe ich Zweifel, ob Lao Tse seiner Nachwelt mit Vers 45 jeglichen Qualitätsanspruch an sich selbst austreiben oder die Rechtfertigungsgrundlage für dummes Verhalten liefern wollte. Fest steht, seine Worte haben meinen Tag angenehmer beeinflusst als “Bring es hinter dich” und bevor ich mich noch um Kopf und Kragen interpretiere, orientiere ich mich an den letzten beiden Zeilen, halte einfach mal die Klappe und meditiere eine Runde in Stille.
DO:
- immer mal den eigenen Intellekt herausfordern
DON’T:
- übertrieben ehrgeizig versuchen, das Tao Te King im Original zu lesen
