1. Juni 2026
Bildschirmfreier Tag
Ich bin handysüchtig. Mein Smartphone behauptet, meine durchschnittliche tägliche Nutzungszeit liege bei 3,5 Stunden. “Geht ja noch” - denke ich mir bei dieser Zahl. Als Junkie vergleiche ich mich gerne mit Personen, die ALLE wachen Stunden auf einen Bildschirm starren und den abgedunkelten Raum nicht mehr verlassen. Ich hingegen sehe noch regelmäßig Tageslicht - Grund für Optimismus!
Mein problematisches Verhalten ist mir jedoch bewusst, daher habe ich mich mit der Thematik schon intensiv auseinandergesetzt. Mit Blick auf Maßnahmen zur reduzierten Bildschirmzeit bin ich vermutlich eine DER Expertinnen Deutschlands, da ich so ziemlich jeden Podcast und jeden Artikel dazu konsumiert habe. Natürlich alles über mein Handy. An theoretischem Know-How mangelt es also nicht, man kann mich gerne als Keynote-Speakerin buchen.
Bei der praktischen Umsetzung hapert es allerdings. Eine App namens “Forest” lässt Bäume wachsen, solange man das Handy nicht anfasst. Diese Art von Gamification erreicht mich nicht. Mir wird der Zustand meines Waldes schnell egal. Auch die Beschränkung der Nutzungszeit bestimmter Apps, die sich leicht einstellen lässt, kann man mit einem einzigen Klick auf “Limit ignorieren” umgehen. Wie leicht will man es mir noch machen?! Zeit für etwas Radikaleres: einen komplett bildschirmfreien Tag. Für die einen mag das unambitioniert klingen, für die anderen (die im abgedunkelten Raum) undenkbar.
Am Tag vor dem herausfordernden Mikro-Abenteuer kündige ich theatralisch im Familienchat an, morgen nicht erreichbar zu sein. Niemand protestiert. Frechheit! Wenige Stunden vor Mitternacht dämmert es mir, dass ich morgen dann keine Möglichkeiten haben werde, mit Mitmenschen in Kontakt zu treten. Abgesehen natürlich von spontanen Besuchen, die ja alle sehr lieben, oder Anquatschen von Fremden vor der Haustüre. Das gute alte Festnetztelefon hat ausgedient und mit Brieftauben bin ich nicht vertraut. Zum Glück erklärt mir meine Schwägerin Alica (meine Kühlschrankmagnetbastelpartnerin), dass ich am Nachmittag gerne vorbeikommen könne. Erleichtert darüber, eine Verabredung an meinem Tag der Isolation zu haben, schlafe ich ein.
Samstagmorgen. Das Handy ist aus. Ich schaffe es, tatsächlich ganz ohne digitale Ablenkung aufzustehen und zum Boxtraining zu fahren. Danach putze ich meine Fenster, ein lange aufgeschobenes To Do, das ehrlicherweise mit Podcast hören erträglicher wäre. Ohne Handy ist es extrem langweilig, dafür achte ich jedoch konzentrierter darauf als sonst, dabei nicht aus dem Fenster zu fallen. Bei der Meditation ohne Meditationsapp schlafe ich ein, weil nichts gongt, und erwache eine Stunde später. Gerade noch rechtzeitig, um mich auf den Weg zu Alica zu machen. Ich kann weder einen potentiellen Stau nachschauen, noch eine Nachricht schreiben, dass ich später komme. Unpünktlichkeit ist man allerdings eh von mir gewohnt, Gott sei Dank.
Im Auto wird es abenteuerlich: Ich schalte zum ersten Mal seit 10 Jahren das Radio als Alternative zu meiner Handyplaylist an. Vermutlich DIE Erkenntnis des Tages: Radiomusik hat sich null komma null verändert! Noch immer die gleichen ollen Kamellen. Wie können diese Sender überleben? Wer hört das?! Frustriertes ständiges Umschalten sorgt für deutlich weniger Achtsamkeit beim Fahren. Die schlechte Musikauswahl im Radio ist die größte Gefahr auf deutschen Autobahnen!
Der Nachmittag wird wunderbar, da mich meine kleine Nichte und mein Baby-Neffe hervorragend unterhalten. Sie sind die wahren Vorbilder für das Leben im Moment. Während ich ca. 3.942 Mal ein Plastikschwein in die Luft werfe, weil das offenbar DER Gag des Jahrhunderts für Zweijährige darstellt, vermisse ich Bildschirme kein bisschen. Vor der Rückfahrt schaut Alica den Verkehr für mich über ihr Handy nach. Das ist ansatzweise gemogelt, ich weiß.
Die wenigen Reststunden bis Tagesende verbringe ich mit Zeitunglesen und siehe da: ich bin deutlich konzentrierter als sonst und erfinde keine Gründe, UNBEDINGT parallel noch im Handy zu recherchieren, nur um dann ganz versehentlich 56 Instagram-Videos anzuklicken. Ich denke mir, so einen Tag ohne Bildschirme sollte ich häufiger einlegen, und renne dann mit zitternden Fingern um Mitternacht zum schlummernden Gerät. Endlich wieder Dopamin!
DO:
- aufs Land ziehen, wo es keinen Handyempfang gibt
DON’T:
- überteuerte Digital Detox-Seminare für gestresste Manager belegen
