Eine Woche fasten
Ich bin eine treue Hörerin des Podcasts “Hotel Matze”. Dort war vor ein paar Wochen Prof. Dr. Andreas Michalsen zu Gast und hat unter anderem über den Ansatz des Scheinfastens (englisch: Fasting Mimicking) berichtet. Der Titel dieses Fastenprogramms ist ungünstig gewählt. Leider handelt es sich NICHT um eine vielversprechende Ernährungstherapie, bei der man nach außen hin vorgibt, streng zu fasten, in Wahrheit aber heimlich täglich Currywurst mit Pommes und Käsekuchen zu sich nimmt. Schade.
Stattdessen geht es dabei um eine 5-tägige Kur, bei der der Körper durch weniger Kalorien und rein pflanzliche Kost in den Fastenmodus versetzt wird, obwohl man kleine Mahlzeiten isst. Die Effekte klingen vielversprechend. Scheinfasten aktiviert die Zellreinigung (Autophagie), senkt den Blutdruck und fördert den Abbau von Bauchfett.
Weniger Bauchfett und frische Zellen? Da bin ich dabei! Und so kaufe ich mir das Buch von Prof. Dr. Andreas Michalsen und bin motiviert, meinen Zellverjüngungs-Selbstversuch zu starten.
Die erste Hürde besteht in der Auswahl des richtigen Zeitraums. Leider verlangen äußere Umstände ständig, dass ich Alkohol, Zucker und tierische Fette konsumiere. Für dieses Mikro-Abenteuer muss ich jedoch eine trostlose Woche auswählen, in der ich ausschließlich freudlose Vollkorn-Fans mit Barfußschuhen treffe, die sich nicht für Käseplatten und Aperol Spritz begeistern können, sondern bevorzugt getrocknete Apfelchips als Partysnack mitbringen. Hm.. schwierig.
Irgendwann überwinde ich meine Ausreden und fange einfach an. Prof. Dr. Michalsen betont, man solle sich bitte strikt an die vorgegebenen Rezepte halten, damit das mit der Zellreinigung auch klappt. Der Einkauf vorab ist bereits eine Herausforderung. Denn anders als bei meinen einfallslosen Single-Haushalt-Gerichten mit möglichst wenigen Zutaten (Nudeln mit Pesto… oder neuerdings auch gerne ein Chinakohl-Salat) muss ich fürs Scheinfasten etliches Gemüse, Samen, Nüsse und Gewürze einkaufen.
Wie teuer kann wenig essen sein? Aber gut, danach sind meine Zellen ja verjüngt, da kann man schon mal investieren.
An Tag 1 meines Fastenexperiments dämmert mir bereits, dass sich mein vollgestopfter Gemüsekühlschrank so schnell nicht leeren wird, denn für die Rezepte benötigt man immer nur winzige Portiönchen von allem. Nie zuvor habe ich ⅓ Karotte geschält oder versucht, einen halben Esslöffel Olivenöl abzumessen. Es ist möglich!
Bei meinem Mais-Spinat-Porridge an Tag 2 fallen versehentlich mehr Haferflocken als vorgesehen in meine Schale. Ich bin versucht, großzügig darüber hinwegzusehen, doch sogleich taucht Prof. Dr. Michalsen vor meinem inneren Auge auf. Sein freundliches Lächeln weicht. Er fragt: “Und das sind nun tatsächlich nur 25 Gramm, hmm? Eine unzulässige Steigerung würden mich und deine Zellen wirklich sehr, sehr enttäuschen!”
Sofort werden 5g Haferflocken hektisch zurück in die Tüte befördert, denn wie es sich für eine brave, regelfanatische deutsche Spießerin gehört, mache ich alles, was der Doktor vorgibt. Auch wenn rohe Zwiebeln, die ich absolut nicht mag, Teil der Speise sind, werden diese tapfer geschluckt. Der Fasten-Nährstoffplan könnte ja gefährlich durcheinander kommen!
Insgesamt fällt mir die Fastenkur nicht besonders schwer und ich mag es, einem Plan zu folgen. Einzig der Aufwand der Zubereitung nervt. Das liegt allerdings auch an meinem fehlenden Training. Meine Geschwindigkeit beim Gemüseschneiden gleicht der einer Dreijährigen mit stumpfen Kindermesser.
Was das Bauchfett betrifft: Nach erfolgreichem Abschluss des Scheinfastens bilde ich mir ein, bei besonders günstigem Licht meine seitliche Bauchmuskulatur erkennen zu können, die vorher von Speck überdeckt wurde. Hier könnte allerdings auch der sogenannte confirmation bias am Werk sein…
Bauch hin oder her, meine Zellen fühlen sich so jung an wie nie und an der Supermarktkasse muss ich wieder meinen Ausweis zeigen, wenn ich Mon Cheri kaufen will. Darauf erstmal einen Aperol Spritz!
DO:
- allen Mitmenschen stolz mehrfach am Tag berichten, dass man fastet, und sich dabei erhaben fühlen
DON’T:
- hoffen, dass “Nudeln” aus Zucchini-Streifen wie Spaghetti schmecken
