Qi Gong ausprobieren

Sommer in der Großstadt bedeutet für mich: umringt von 6.345 anderen Städtern im Park mit gelb verbranntem Rasen auf einem viel zu kleinen Handtuch in der prallen Sonne liegen, sehr viele ungesunde Snacks verzehren und dann mit verklebten Schokoladenfingern versuchen, eine Zeitung zu lesen. Dabei warte ich auf “gesunde” Bräune, doch alles, was ich mit nach Hause nehme, sind Zigarettenstummel an den Fußsohlen.

Aus der unbequemen Bodenhaltung heraus lässt sich gelegentlich eine Gruppe tiefenentspannt wirkender Menschen beobachten, die sich zeitlupenartig über den Rasen bewegen und vom lauten Parkumfeld scheinbar keinerlei Notiz nehmen. Diese stoische innere Ruhe will ich auch! Zeit für ein Mikro-Abenteuer, auf zum Qi Gong Kurs bei der TG Bornheim!

Mittwochs trifft sich die Gruppe nicht im Park, sondern im “Wellness Gym”. 10 sehr unterschiedliche Personen zwischen 20 und ca. 80 Jahren stehen in einem großen Raum mit verspiegelter Seitenwand. Positiv fällt mir direkt die offenbar nicht vorhandene Kleiderordnung auf. Während in anderen Sportkursen pastellfarbene Sets aus körperformender Leggins und Top inoffizielle Teilnahmebedingung darstellen, strahlt mir hier kein einziges lululemon-Logo entgegen. Stattdessen dominieren Leinengewänder und eher unpraktisch wirkende halblange Funktionshosen mit vielen Seitentaschen den Look. 

“Qi Gong ist der Weg zu mehr Leichtigkeit im Leben”, sagt die Kursleiterin und setzt dazu an, mit den ersten Übungen zu beginnen. Doch sie wird jäh unterbrochen von einer rüstigen Rentnerin, die anmerkt, dass der dröhnende Fitness-Techno vom Kursraum über uns ganz schön nervt. Die Kursleiterin stimmt zu, weist dann ganz im Geist der chinesischen Achtsamkeitspraxis darauf hin, dass dies auch eine Gelegenheit sei, sich in Akzeptanz zu üben. “Genau!” sagt ein älterer Herr, woraufhin die Mürrische sich zu ihm dreht und “Schön für dich, wenn du das kannst!” rüberruft.

Merke: Stoische Sanftheit ist Ziel, nicht Bedingung für Qi Gong. Das erleichtert mich.

Wir beginnen damit, Energie zu aktivieren, indem wir uns schütteln und unsere Füße kreisen. Energieflüsse sind überhaupt DAS Thema in der Lehre des Qi Gong. Stress, Bewegungsmangel oder Anspannung im Alltag können den eigenen Energiefluss blockieren. Durch Bewegung, Atmung und Aufmerksamkeit soll dieser Fluss wieder harmonischer fließen.

Wir aktivieren unsere drei Energiezentren, die sogenannten Dantian, und als ich mich gerade mit den fließenden Bewegungsabläufen angefreundet habe, ändert die Kursleiterin das Programm. Wir sollen uns nun selbst drei Minuten lang im Spiegel anlächeln. 

Drei Minuten sind länger als man denkt. 

Ein innerer Dialog beginnt. “ Warum sind meine Augen eigentlich so glasig? Sollte das Weiß um die Pupille herum nicht weißer sein?!... Meine “Lachfalten” sind ja ziemlich ausgeprägt.…. Ist das eigentlich noch ein nettes Lächeln oder eher schon ein dümmliches Grinsen?!....”

“Es ist möglich, dass ihr anfangt, euch innerlich zu bewerten”, sagt die Kursleiterin. Ich warte verzweifelt auf das Ende der Übung. Kurz trifft mein Blick den meiner Nachbarin im Spiegel, die sich wie ich krampfig um ein authentisches Selbst-Anlächeln bemüht. Das verbindet.

Die letzte Übung findet im Sitzen statt. Wir imaginieren einen Energieball zwischen den Händen und aktivieren dabei Selbstheilungskräfte. Das gefällt mir! Ich spüre tatsächlich eine Art Ball, der sich formen lässt, mein Qi scheint zu fließen.

“Ihr könnt eure Selbstheilungsenergie dazu nutzen, präventiv eure Jugendlichkeit zu erhalten”, sagt die Kursleiterin. Anders als bei meiner 80-Jährigen Sitznachbarin, ist das bei mir nun wirklich gar nicht nötig, immerhin habe ich ja gerade letzte Woche erst meine Zellen dramatisch beim Scheinfasten verjüngt. Daher konzentriere ich mich auf die Heilung meiner linken Schulter, die aufgrund zu aggressiver Schläge gegen den Boxsack schmerzt. Und siehe da: es funktioniert!

Sobald ich auf meinem Fahrrad sitze, blockiert Qi in meiner Schulter leider wieder. Meine Selbstheilungsfähigkeiten sind wohl ausbaubar, aber es war ja auch meine erste Qi Gong Stunde. Ich freue mich auf die nächste Session im Park, bei der auf Spiegelübungen leider, leider verzichtet werden muss.

DO:

  • gelegentlich den Körper schütteln und Energie fließen lassen

DON’T:   

  • sich selbst konstant kritisch im Spiegel beäugen
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